Spiegelungen

Ein Mensch sieht sich im Spiegel an,
erkennt dort einen fremden Mann.
So geht das nicht, sagt er zu dem
in dessen Antlitz er kann sehn.

Ich kenne dich. Du wohnst zwar hier,
du isst mein Brot, du trinkst mein Bier,
liest meine Bücher unentwegt,
die ich aufs Nachttischchen gelegt,

liebst hinterm Rücken meine Frau,
streit´ es nicht ab, ich weiß´ s genau,
holst meine Rente von der Kasse
und gibst sie aus (wie ich das hasse).

Und jetzt blickst Du ganz ungeniert
ins Angesicht mir, dass mich friert.
So streitet er ganz vehement,
weil er sein Krankheitsbild nicht kennt.

Das hört sich despektierlich an?
Dann warte, bis auch Du bist dran.
Nichts schlimm´res gibt es auf der Welt
als wenn man sieht, wie wer verfällt.