Der Ernst des Lebens

1. Kapitel

 

>>In Zweierreihen hintereinander aufstellen!<<

Wie eine übermächtige hässliche und zugleich böse fette Hexe stand Frau Homberg vor uns Erstklässlern der Berswordt Volksschule.  Es war der 1. April 1958

Frau Homberg war die erste Lehrperson die ich kennenlernte.... Bis auf 2 oder drei weitere Lehrer in meiner weiteren schulischen Laufbahn hatten alle, wie auch Frau Homberg dieses übermächtig Herrische an sich. Übrig geblieben wohl aus der Nazi Zeit war es offensichtlich schwer, diesen Habitus abzulegen.

Mir wurde sofort klar, dass der Ernst des Lebens, von dem Oma und Mama immer sprachen, in diesem Moment begonnen hatte.

Dies ist also das Leben..... Besser der Ernst des Lebens....  In Zweierreihen..... hintereinander.....

>>Keinen Mucks beim Reingehen.... Jeder sucht sich einen Platz.
Ihr weder nachher sowieso umgesetzt also streitet euch nicht. <<

Das war ein Befehl..... Ich denke sie hätte gerne ein "JAWOLL" gehört

Sollte wohl heißen ... Alles was ihr kleinen ungezogenen Gnome macht wird von mir sowieso nicht akzeptiert.... Man hatte schon als 6 Jähriger verloren, bei Frau Homberg sowieso.

Ich aber nicht. Die sollte mich noch ihren Spass an mir haben.... Es ist schon eigenartig dass ich mich 54 Jahre später so minutiös an diese Kleinigkeiten erinnern kann....,

An meine noch viel zu große Lederhose. Man wuchs da ja hinein und so eine Hose musste oder besser sollte die halbe Kindheit halten.... Allenfalls die Hosenträger wurden alle 2 Jahre ausgetauscht.

Das bunte Hemd mit den vielen aufgedruckten Autos, Motorrädern und Flugzeugen  hatte Tante Lieselotte aus Canada geschickt.... Und die braunen Lederschuhe in denen viel zu kurze dünne Beine in weißen Kniestrümpfen steckten waren auch zu groß, darum hatte man mir unter den Kniestrümpfen noch zwei Paar Wollsocken angezogen.

In der Klasse war ein heilloses durcheinander. Einige Mädchen weinten ihrer Mama nach, obwohl diese ja in der ersten Stunde mit in der Klasse waren. Die Mütter und auch einige Väter standen am Rand und hatten bald mehr Tränen in den Augen als die Kinder.

Ich weinte nicht... es lohnte sich nicht, denn meine Mutter wie auch mein Vater waren bereits auf dem Weg zur Arbeit.

Nach gut 5 Minuten und einigen hinterhältig freundlichen  Anweisungen von Frau Homberg saßen alle Kinder auf ihren vorläufigen Plätzen. Wie diese erste Stunde ablief ist mit nicht mehr im Gedächtnis .... Die 2. Stunde hingegen steht vor meinem geistigen Auge als wäre es erst gestern gewesen.

Kaum dass die Mütter und Väter die Klasse verlassen hatten, stand Frau Homberg wie ein Feldwebel mittig vor der Tafel  und schaute uns minutenlang an. Dieses Verhalten konnte ich 5 Jahre später in der ersten Klasse der Realschule exakt gleich bei dem damaligen Lehrer dessen Name mir leider nicht mehr einfällt, beobachten.

Frau Homberg schaute also die ihr zur geistigen Erziehung überlassenen Bälger der Reihe nach an. Nach knapp 10 Minuten zeigte sie mit dem Finger auf einige Mitschüler ..... Und mich.....

>>Du, du, du, du und du...... Ihr setzt Euch alle hier vorne in die erste Reihe.... Die vorne setzen sich nach hinten.....<<

Mein kurzer Einwand dass ich doch gar nichts gemacht hätte wurde von ihr mit einer wegwerfenden Handbewegung und dem Spruch

>>.... Noch nicht..... Aber ich kenne meine Pappenheimer....<< abgetan

Also stand ich schon ab der ersten Minute im Fokus der Klassenlehrerin. Ich hingegen hatte bereits ab der ersten Minute eine kleine zierliche Mitschülerin in mein Herz geschlossen.... Edith.... Schmal, blond, süß wie Zucker.... Und sie saß, zumindest in der ersten Stunde direkt vor mir..... Ab der 2. Stunde dann zwar zwei Reihen hinter mir, doch konnte ich sie, wenn ich mich etwas schräg zur Mitte drehte aus den Augenwinkeln beobachten.....

Ich war verknallt.... Mit 6 Jahren war ich verknallt in Edith.... Noch jetzt, mit über 60 Jahren sieht sie für mich aus wie eine Prinzessin....
Edith weiß bis heute nicht dass ich sie verehrte.... Aber das war mir damals bis heute egal..... Edith war das Maß aller Dinge. Alle meine Frauen, bis ins hohe Alter mussten den Vergleich mit Edith standhalten...


Wer nicht schlank war hatte schon vor dem ersten Wort verloren.. Blond war Pflicht und Intelligenz absolute Bedingung denn wie sich im Laufe de Jahre herausstellte war Edith stets die Klassenbeste.

Keine schlechte Wahl.... Aber leider kann ich mich nicht entsinnen, jemals  auch nur ein Wort mit ihr gewechselt zu haben. Noch heute wohnt sie in dem Viertel und ich sehe die 2 bis 3 Mal im Jahr..... Irgendwann werde ich sie mal ansprechen..... nehme ich mir seit Jahrzehnten vor... Vielleicht im Altenheim....

Frau Homberg war der erste Mensch der mir etwas gestohlen hat. Ich bekam zur Einschulung einen viel zu großen Tornister auch Schulranzen genannt, eine Schiefertafel, und ein Etui mit 5 sehr bunten Kreide - Griffeln. Sagen Sie mal einem 6 jährigen Heute, er soll seine Griffel aus dem Tornister holen und seine Tafel putzen.  Unvorstellbar..... Die fragenden Augen möchte ich sehen.

Ich hatte also gerade einen meiner tollen bunten Griffel und einen ebenso bunten Bleistift  aus dem Etui geholt  als Frau Homberg mich mit forscher Stimme aufforderte diesen Bleistift, an dessen stumpfen Ende ein Radiergummi eingelassen war, was mich besonders stolz machte, ihr zum Lehrerpult zu bringen.

Ich sah diesen Bleistift nie wieder .... Wie sehr ich diesem Bleistift noch heute nachtrauere kann sich niemand vorstellen.

Ich rächte mich mehrfach indem ich Papierkrampen mittels Gummifletsche in die hochtoupierten Haare dieser Frau Homberg schoß. Gut, einige dieser Krampen verfehlten ihr Ziel.... Was dann wieder zur Folge hatte dass ich mich in die Ecke stellen durfte. Ein zugegebenermaßen nicht besonders aufregendes Unterfangen, immerhin jedoch besser als die Strafen die ich in der zweiten Klasse bei dem rechtsarmig amputieren Lehrer  Schiffmann  ertragen musste.

 

Herr Schiffmann war um die 50 und hatte im Krieg seinen rechten Arm verloren. Er war von stattlicher Figur, hatte einen strengen aber gerechten Blick und keiner der Schüler wurde in irgendeiner Art bevorzugt oder benachteiligt..

 

Korrekt musste man sein, pünktlich und die Hausaufgaben hatten ordentlich und vollständig morgens vorzuliegen... wenn man diese Kleinigkeiten beachtete durchlief man die Klasse unbechadet....

 

Nur war es manchmal schwer, die gerade auf den Markt gekommenen Mickymouse-Magazine so zu lesen, dass Herr Schiffmann dies nicht sah. Im Grunde war es unmöglich... Herr Schiffmann hatte nur einen, den linken Arm aber dieser konnte so unvermittelt ausholen und schallende Backpfeifen verteilen... Ich habe niemanden wieder getroffen der soviel Schnelligkeit und Kraft im linken Arm bzw. der linken Hand hatte.

 

Es war unvorstellbar... Sobald Herr Schiffmann die Klasse betrat war es mucksmäuschen still... man musste zwangsläufig dem Unterricht folgen, denn Herr Schiffmann hatte eine Angewohnheit, die ich später auch bei keinem meiner Lehrer wiederentdeckte:

 

Er erklärte irgendeine Sache mit langen blumigen ausholenden Worten und mitten im Satz, im gleichen Tonfall und ohne den Blick zu wenden sprach er irgendeinen Schüler an und sagte etwa:

 

>> Wir schreiben Hauptwörter grundsätzlich groß, wobei ein Hauptwort alles das ist wo wir ein De, ein Die oder ein Das, vorsetzen können.... alles was wir anfassen können und auch alle Eigennamen schreiben wir grundsätzlich groß.... Karl was habe ich gerade gesagt.... ? Wenn Karl jetzt nicht wie aus der Pistole geschossen exakt den Satz wiederholte den Herr Schiffmann gerade von sich gegeben hatte, wurde er zunächst an einem Ohr, meisten dem linken, von seinem Stuhl gezogen und anschließend setzte es mit der flachen Hand eine schallende Ohrfeige und mit der Rückhand ein Schlag auf die andere Seite.... Karl war in der Sekunde wach.... nach dreimaligerm Erwischen war Karl einer der eifrigsten Zuhörer.... Ich übrigens auch.

 

Machen Sie das als LÖehrer heute mal.... und.... wir sind alle ohne Schaden erwachsen geworden... Nach heutigen Maßstäben hatte Herr Schiffmann spätestens nach 8 Wochen seine Entlassungspapiere in den Händen gehalten und diese anschließend noch einige Monate lang im Gefängsnis sortieren dürfen.

 

Nichts gegen die humanere Methode in der heutigen Zeit, aber ich denke so maches Mal dürfte eine Ohrfeige zur rechten Zeit auch dem Lehrer wieder ermöglicht werden können.

 

In der dritten Klasse hatten wir Herrn Weidlich.... wir waren seine letzte Schulklasse im Jahr 1961   Und ich war sein Lieblingsschüler.... Egal was ich machte, er sagte mir nichts..... ich konnte mitten in der Stunde aufstehen und mich auf die Fensterbak setzen... kein Kommentar dazu.... am allerletzten Tag des Schuljahres, bei seiner Entlassungsfeier,  fragte ich Herrn Weidlich warum ich das alles gedurft hatte.... Er gab mir zur Antwort dass ich ihn an seinen Lieblingsschüler in seiner allerersten Klasse erinnern würde.... und deshalb hatte ich bei ihm Narrenfreiheit.... Gut tat mir das nicht, denn gelernt hatte ich recht wenig, im Gegensatz zu meinen Mitschülern. Ich war einfach ein Jahr lang der Pausenclown.

 

Interessant wurde es dann in der 4. Klasse der Volksschule, denn so langsam hatten wir Jungen die erforderliche Ahnung vom Fußball um bei den größeren Mitschülern mitreden zu können und auch der eine oder andere verschmitze Blick auf die Mädels blieb nicht unbeantwortet.   Leider kam es, wie immer bei den pubertierenden Kindern auch in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum Eklat. Zumindest die Eltern bezeichneten diesen, in den Augen der betroffenen Kinder eher lustigen Vorfall, als Eklat.