Der Trüffelburger

Der Anruf von Renate kommt nicht unerwartet. Natürlich will ich mit ihr zum Essen gehen. Renate ist eine sehr aparte Person. Zwar etwas teuer, wegen des andauernden Wunsches, bei jedem unserer Treffen gut zu essen, aber immerhin, man kann sich mit ihr sehen lassen. Auch heute ruft sie mich an, ob wir nicht gemeinsam etwas unternehmen wollen. Es ist Samstag und der Anruf an einem Samstag bedeutet:
Renate möchte sich mal wieder von mir aushalten lassen. Irgendwann muss dieses Verhältnis beendet werden, denn es geht zu sehr ins Geld. Nicht dass ich geizig bin, beileibe nicht. Eher das Gegenteil ist der Fall. Nur muss sich eine Investition ja auch irgendwann einmal amortisieren. Das tut sie bei Renate noch nicht und es ist auch nicht abzusehen ob sie es jemals tun wird.
„Ja Renate… gerne….. wann möchtest Du dass wir uns treffen?“ „Kannst Du mich abholen? So gegen 19:30 Uhr? Wir könnten irgendwo schön Essen gehen.“

Nun muss man wissen dass „schön Essen gehen“ bei Renate kein Jägerschnitzel mit Pommes bedeutet. Auch nicht eine Akropolis - Platte beim Griechen oder eine gut belegte Pizza beim Italiener um die Ecke. Schön Essen gehen, damit meint Renate so etwas wie Rehrücken, Argentinisches Rinderfilet ca. 400 g, Gourmetplatte mit dreierlei Wild, Kanadischer Lachs oder gegrillter Wolfsbarsch mit Vorspeisen, Nachspeisen, Absacker … Renate ist eine Feinschmeckerin allererster Güte…. Solange sie die Rechnung nicht selbst bezahlen muss.

Der Rest des Tages, nach dem Essen, also wenn dann noch etwas Rest übrig bleibt (nicht vom Essen sondern vom Tag bzw. der Nacht), wird dann in einer der angesagten Nobeldiskotheken oder einer Nachtbar verbracht, in der so mancher Promi sich zu zeigen pflegt.

Renate steht auf Promis. Nur eines hat Renate nicht: Lust, den Abend einmal etwas gediegener zu verbringen. So vor dem Kamin mit anschließendem Tête-à- Tête. (Das Knistern des brennenden Holzes in Kaminen regt so an). Man kann Renate aber auch nicht einfach so absagen oder loswerden. Renate versteht es, sich nicht zu verschenken und dabei doch immer wieder diese Spannung
aufrecht zu erhalten, die sich meiner Meinung nach so toll vor dem Kamin entladen könnte.


Nun kenne ich sie bereits seit 8 Wochen. Das heißt: Acht Mal Essen in den vornehmsten Restaurants, acht Mal frustriert nach Hause fahren, ohne auch nur annähernd zu wissen, ob denn dieser wahnsinnige Busen echt, einfach nur hochgepuscht oder mit Silicon gefüllt ist.


Renate lässt ebenso wenig das feinste Essen aus, wie mich an sich ran. Da ich zu Frauen ein sehr gutes Verhältnis habe, wird eine Beziehung niemals von mir aus beendet. Ich bin da eher ein „Hausschwein“, das nie Fremd geht. Nein. Meine Beziehungen, wenn man sie als solche bezeichnen mochte, werden immer von den Damen als erledigt erklärt. Das erspart mir lange Diskussionen und tränenreiche Abende. Irgendwie muss ich es erreichen, dass auch Renate die Reißleine zieht. Dies jedoch scheint in weite Ferne gerückt. Je öfter ich mit ihr zum Essen ausgehe, umso häufiger ruft sie mich an.

Aber sie ruft mich eben nur an…. nicht zu sich. „OK“, sage ich „Was hältst Du vom „l‘aigle noir“? Du die haben umgebaut und sind jetzt, wie ich gehört habe, unter neuer Leitung. Soll ein französischer Sterne-Koch sein. “Ja“, meinte Renate. „Hört sich gut an. Dann heute mal ins.. äh, dann mal dahin.“ „Ich muss nur schnell Klaus anrufen. Ich habe mich mit ihm verabredet. Aber ich komme natürlich zu Dir…. Punkt 19:30 Uhr hole ich Dich ab,“ kann ich ihr noch sagen.

Wir halten vor dem „l‘aigle noir“ was so viel heißt wie „Schwarzer Adler“. Genau vor dem Eingang ist ein Parkplatz frei. Samstags soll es immer reichlich voll sein, heißt es.

„Du“, meint Renate, „was ist, wenn wir keinen Platz mehr bekommen, wo gehen wir dann hin?“ „Ach Renat´chen, wir bekommen ganz sicher einen Platz.“ Ich bin mir noch nie so sicher gewesen wie heute. Wir betreten das Restaurant und sehen ein, zwei Tische frei. Der Ober tritt auf uns zu, begrüßt uns und fragt ob wir reserviert hätten. Nein, haben wir nicht. „Dann tut es mir leid, wir sind ausgebucht…“ meint der Ober lakonisch.

„Aber dort“, ich zeige auf einen 4er Tisch, an dem nur ein einzelner Herr sitzt, „da sind doch noch drei Plätze frei. Können wir uns nicht dazu setzen?“ „Ich kann den Herrn ja mal fragen ob er was dagegen hat“ meinte der Ober und kommt nach einigen Sekunden lächelnd zurück. „Ja, sie können dort Platz nehmen. Der Herr hat nichts dagegen.“

Renate missfällt diese Lösung, ich merke es ihr an. „Besten Dank“, sage ich, gehe zu dem Tisch und bedanke mich auch bei dem Herrn für sein Entgegenkommen. Wir nehmen Platz und bestellen uns einen Aperitif. Der Herr mustert uns freundlich und sagt: „Ich kann das Lamm nur empfehlen. Habe ich in der letzten Woche gegessen. Ausgezeichnet kann ich nur sagen.“ „Na“, sagte Renate „dann nehmen wir das doch.“

„Ich nehme den Trüffel Burger“, sage ich und schnalze dabei mit der Zunge. Verstohlen sucht Renate auf der Speisekarte nach dem Trüffel Burger…. findet ihn aber nirgendwo. „Wo steht der denn?“ fragt sie…. Da kommt schon der Ober um sich zu erkundigen ob wir bereits gewählt haben. „Ja, wir nehmen einmal die Lammkeule mit allem Drum und Dran und für mich bitte den Trüffel Burger“ sage ich. „Sehr wohl mein Herr. Den kleinen oder den großen Trüffel Burger?“

„Wo ist da der Unterschied?“ will ich wissen. „Na hauptsächlich in der Größe und natürlich im Preis. Der kleine kostet 56 € der große 99 €.“ „Dann nehme ich den Kleinen“, zwinkere ich dem Ober zu.
Renate wird etwas nervös, weil sie diesen Trüffel Burger nirgendwo auf der Karte finden kann. „Kann ich auch so einen Trüffel Burger bekommen?“ fragt sie mit leuchtenden Augen und siegessicher. „Aber klar, den großen oder den kleinen?“ frage ich. „Den großen bitte“ Renate war der Triumpf anzumerken, endlich mal etwas essen, was sie sonst wohl nur im TV zu sehen bekam.


Zu Renate fragt der Ober: „ Möchten Sie den Trüffel Burger mit Sauce tomate ou à la moutarde?“* „Ja gerne“ sagt Renate und der Ober schaut mich fragend an… „Nous prennons le Burger avec du moutarde“** meine ich nebenbei.

Der Ober nickt. Auch der Herr gegenüber scheint Gefallen an dem Trüffel Burger zu finden. „Herr Ober, ist meine Bestellung schon beim Koch?“ fragt er. „Oui monsieur“ aber Sie können noch umdisponieren wenn Sie möchten.“ Der Ober scheint gar nicht genervt. „Dann bringen Sie mir bitte auch einen großen Trüffel Burger“. Und zu uns gerichtet meinte er mit freudigem Blick: „Da bin ich ja mal gespannt.“ Der Herr gegenüber stellt sich nun vor. Sein Name ist „Graf Klaus Haller zu Hallerstein“. Ich bin beeindruckt und Renate gehen die Augen über. Mit einem echten Grafen hat sie noch nie gespeist.

Ich mache meine Begleitung und mich mit ihm bekannt und wir kommen in ein ziemlich belangloses Gespräch. Bis zu dem Zeitpunkt, als er den Gutschein eines Gourmetführers aus der Tasche zieht und meint, ob wir auch so etwas hätten. Für ihn mache das keinen Sinn, da er allein äße. „Du meine Güte“, entgegne ich. „Zwei Essen und das jeweils günstigere Gericht ist umsonst.“ „Dann können Sie den Gutschein doch nehmen“, meint der Graf. Und wie gerne ich das tue. Nach einigen Minuten kommt der Ober, stellt eine Karaffe Wasser auf den Tisch und meint „Eine Empfehlung des Hauses. Une carafe d‘eau du robinet“***

„Das hört sich aber gut an“, meint Renate. „Hier sind wir aber nicht zum letzten Mal oder?“ Ich antworte beflissentlich nicht, sondern warte auf meinen Trüffel Burger. Nach 20 Minuten ist es soweit. Der Kellner kommt mit drei Tellern, unter deren silbernen Hauben sich jeweils einer der Trüffel Burger befinden muss. Ich will es kurz machen. Der Burger ist schnell verputzt. Der Ober präsentiert die Rechnung. Ich lege meinen Gutschein auf den Tisch, was Renate zudem sehr peinlich ist. Als ich dann in meiner Brieftasche wühle und sie schließlich frage: „Hast Du mal einen Euro?“ ist sie vollständig derangiert. Natürlich hat sie keinen Euro. Ich winke dem Ober und flüstere ihm etwas ins Ohr. Danach entfernt er sich, um nach 3 Minuten wieder zu erscheinen. Nun flüstert er mir etwas ins Ohr.

„Du“, sage ich zu Renate, „hast Du wirklich kein Geld mit? Ich habe meines vergessen. Der Ober meint das wäre kein Problem, er könne warten bis Du oder ich Geld holen würden. Einer von uns muss aber hier bleiben.“ „Ich gehe“, meint Renate entrüstet.

„So was habe ich ja noch nie erlebt. Du hast mich eingeladen, also sieh zu wie Du klarkommst“…. „Kann ich Ihnen aushelfen?“ fragt mich der Graf. „Ich gehe trotzdem“ faucht Renate, steht auf und verschwindet schnellen Fußes aus dem Restaurant. Heinz, der Ober und mein Freund, macht daraufhin Feierabend. Er ist ohnehin nur meinetwegen heute zur Arbeit gegangen. Er und Thomas, der vermeintliche Graf, besser mein Cousin und ich, gehen nun in die Stadt um ordentlich einen hinter die Binde zu kippen. Ich gebe Heinz die 15 € für die drei Hamburger von McDonalds, die er in der Kürze der Zeit von nebenan besorgt hat und wir feiern bis in den Morgen meine neu wiedergewonnene Freiheit.

Ach ja…. Von Renate werde ich nie wieder etwas hören.



* Mit Tomatensoße oder mit Senf?
** Bringen Sie ihn mit Senf.
*** eine Karaffe Kranwasser