Ein Mensch blickt in die Zeit zurück....

An jenem Donnerstagabend lag etwas boshaft,  unruhiges in der Luft. Den ganzen Tag lang hatte Ben sich mit allem Möglichen rumschlagen müssen. Seinem Chef, seinen Kunden, seinen Freunden, dem Busfahrer, dem Sitznachbarn  auf der Busfahrt nach Hause.

Es gibt so Tage die sind irgendwie gebraucht und nicht für jeden geschaffen. Heute war so ein Tag. Ein Tag, der sich zwar dem Ende neigte, denn immerhin war es schon 20 Uhr als er endlich daheim sein Abendbrot gegessen hatte, der jedoch, wie sich in kurzer Zeit herausstellen sollte, noch lange nicht zu Ende war, ja eigentlich erst anfing  ein besonderer Tag zu werden.

Ben hatte vor 3 Wochen seinen 30. Hochzeitstag gefeiert. Was heißt gefeiert, er war einfach da, dieser 30. Hochzeitstag. Seine türkischen Nachbarn, die von diesem Tag wussten, standen mit einem Mal vor der Tür. Dieses Datum hatte keine besondere Aufmerksamkeit verdient.  Zumindest nicht für Ben. Zwangsläufig wurde aus Höflichkeit vor den Nachbarn ein wenig gefeiert und gegessen (die Nachbarn hatten ein türkisches Festessen mitgebracht). Dann war die Feier so schnell vorbei wie sie begonnen hatte.

 

Ob Sila, seine Frau oder seine 3 Töchter damals daran gedacht hatten?  Er wusste es nicht und wie gesagt, es war ihm egal. Trotzdem musste er in diesem Moment an diesen Tag denken.  Da geht die Küchentür auf und Sila setzte sich ihm gegenüber an den Küchentisch, unsicher wie immer. Sie stammelte irgendwas von …  muss mal mit Dir sprechen….

 

In solchen Situationen  war in der Regel irgendwas mit der ältesten Tochter, die eine Vorliebe für teure Kleidung hatte, diese sich in den besten Läden besorgte leider fast immer ohne an die Bezahlung zu denken. Also richtete Ben sich auf eine neuerliche Episode dieser never ending story ein. Womit er allerdings völlig daneben lag.

 

>Ich habe jemanden kennengelernt<, begann Sila, 49 Jahre alt,  die wenn sie sich schminkte immer noch recht ansehnlich aussah.

 

 >Schön<  sagte Ben. >Jürgen, Motorradfahrer, Gebäudereiniger aus Duisburg.  Ich weiß.<

 

Sila erschrak. Damit hatte sie nun gar nicht gerechnet. Sie war doch immer so vorsichtig. Hatten etwa ihre Töchter etwas gesagt, aber nein, das war unmöglich, sie hatten doch versprochen……  Ben übernahm das Wort. Irgendwie, dachte er, heute ist alles egal. 

 

>Was ist mit ihm? Hat er Dich satt?<

Nun hatte Sila sich wieder gefangen.

 

>Er ist mein Freund, er versteht mich und ich mag ihn.<   

>Wenn ich eine Frau ins Bett kriegen will<, meinte Ben, >verstehe ich sie auch.<

>Ich wollte Dir das sagen, bevor Du es von jemand anderem hörst< meinte Sila mit nun etwas festerer Stimme.

>ich weiß davon seit fast einem Jahr- ich bin nicht doof< sagte Ben in einem ruhigen, ja fast zu ruhigem Ton, denn auf diesen Moment hatte er sich  seit langem Vorbereitet.

>Woher…..?< 

>Dein Laptop ….<  Meinte Ben nur…  >ich kenne ihn nicht so gut wie Du, aber ich kenne ihn….  Und jetzt?<

>Ich möchte ihn nicht verlieren,  kannst Du damit nicht leben?<  Jetzt lag wieder ein leises Zittern in Silas Stimme.

>Ich kann gut damit leben  aber ich werde hier nicht den Ernährer spielen und den Rest holst Du Dir woanders.<

>Wobei….<  Ben holte tief Luft, >…viel kann er sich ja nicht holen, wenn Du so bleibst wie Du bisher warst.<

Ben und Sila lebten seit 30 Jahren zusammen und waren in dieser Zeit, wenn es hoch kam, vielleicht 50 Mal intim.  Das entsprach einer Zeugungsquote von knapp 8 % jeder gut 16. Beischlaf führte in der Ehe zum Kind. Beachtliches Ergebnis.

>Morgen ziehe ich aus,< meinte Ben.  

>Meinst Du nicht wir sollten darüber sprechen?<  Fragte Sila. 

>Worüber sollte ich mit Dir noch sprechen?  Es ist alles gesagt, Du hast einen neuen Mann, die Kinder sind groß bis auf Maria, und um sie kümmere ich mich. Du ziehst nach Duisburg, heiratest diesen Kerl und  Maria bleibt bei mir. Das ist Fakt und dabei bleibt es und jetzt lasse mich bitte in Ruhe.<

Sprach´s und verschwand im Wohnzimmer, wo er seit bereits 25 Jahren jede Nacht sein Lager aufschlug.

Maria,  knapp 13 Jahren ging zum Gymnasium und würde natürlich bei der Mutter bleiben wollen, das war Ben klar. Er wollte nur ein wenig Angst schüren, bereute das aber im gleichen Augenblick als er dies sagte, denn er wollte auf keinen Fall eine Schlammschlacht auf dem Rücken des Kindes austragen.

Sila kam ins Wohnzimmer.

>Die Kinder wissen schon lange davon, sie haben mich vor die Wahl gestellt entweder ich sage es Dir heute oder sonst hätten sie dir morgen alles gesagt.<

>Lass mich in Ruhe….  Damit musst Du klar kommen. Wenn Du meinst mit diesem Jürgen besser durchs Leben zu kommen….  Deine Sache. Für mich bist Du nicht mehr existent.<

>Jürgen kann nichts dafür….<  Weiter kam Sila nicht, denn Ben unterbrach sie unwirsch.

>Ich weiß, wäre er es nicht, wäre es ein anderer. Du hast Dir vorgenommen Dich zu trennen, also machst Du es auch. Du wolltest als Nonne durch die Ehe gehen bis vor einem Jahr, also machtest Du das ebenso. Du bist konsequent, ich bin es auch…  übrigens das einzige was uns je verbunden hat. Gute Nacht…  schlaf gut.<

Am Morgen rief Ben in der Firma an, es war Freitag, meldete sich bis Dienstag ab und packte seine sieben Sachen. Rief ein Hotel an, das ihm sehr preiswert vorkam, reservierte ein Zimmer für zunächst 4 Wochen und fuhr dorthin. Zahnschmerzen begleiteten ihn, Hunger und Durst vergaß er. Als er das Zimmer betrat, räumte er seine Kleidung in den Schrank, setzte sich auf die Bettkannte und weinte sich die Augen aus dem Kopf.

Anschließend dachte er über einen möglichst schmerzlosen Suizid nach und fiel in einen tiefen Schlaf aus dem er mitten in der Nacht zu Samstag erwachte. Wieder heulte er ohne Unterlass, hörte im knarrenden Radio schwere Musik, schaltete mehrfach den Fernseher an und wieder aus und ging am Samstagmorgen zum Frühstücken in den dafür hergerichteten Raum ohne auch nur einen Bissen herunter zu bekommen. Eine Tasse Kaffee das musste reichen. Keine Menschenseele außer ihm und dem Kellner war anwesend. Auf die Frage warum niemand frühstückte antwortete der Kellner dies sei ein Hotel in dem unter der Woche zu 90 % Montagearbeiter und Reisende übernachten würden, die nun alle zu Hause wären.

Am Montag ging Ben wieder zur Arbeit, nachdem er alle Varianten seines zukünftigen Daseins durchdacht hatte.  Keine gefiel ihm wirklich. Ben kam nie auf die Idee sich selbst zu hinterfragen, warum dies alles so geschehen war. Ben war nicht der Typ sich selbst zu kritisieren oder gar Fehler an sich zu entdecken und abzustellen.

Heute lebt er mit einer sehr netten Frau gleichen Alters in einer vielleicht glücklichen Beziehung, sieht hin und wieder seine Kinder, die nun eigene Familien haben. Maria studiert in Hamburg die älteste klaut noch immer wo sie nur kann und die mittlere Tochter hat sich mit einem Schönheitsstudio selbstständig  gemacht. Bens neue Lebensgefährtin ist dort Stammkundin.

Sila und Jürgen leben noch immer zusammen beziehen beide Hartz 4…  und sind vielleicht ebenso glücklich.

 

 

Gedanken zu Eugen Roth:

Ein Mensch blickt in die Zeit zurück

Und sieht: sein Unglück war sein Glück

 

 

©  Horst Fleitmann 6/2013