Kommisskopp

Es war im Sommer 1970. Seit Mitte 1969 war ich Soldat und musste noch 5 Monate diesen unheimlich wichtigen Dienst schieben der so geheim war, dass ich bis heute nicht weiß, was ich dort eigentlich gemacht habe.

Ich verrate kein Staatsgeheimnis, wenn sage, dass der Dienst auf der Schreibstube eines S4 Offiziers in einer Nachschubeinheit der Bundeswehr wahnsinnig aufregend war und sicherlich noch immer ist. Zumindest ich  habe mich grundsätzlich jeden Tag  darüber aufgeregt.

Alles fing damit an, dass der morgendliche Apell vor der Kompanieunterkunft bereits um 7 Uhr beginnen sollte, obwohl ich um 6:52 Uhr  noch in der Koje lag.  Mit dem stellvertretenem Spieß,  Oberleutnant Beyer, ließ es sich nicht Spaßen, zumindest nicht wenn er nüchtern war. Als anständig empfand ich, dass mich meine Leidensgenossen frühzeitig, d. h. bereits um 6:53 Uhr weckten.  Innerhalb weniger Minuten hatte ich den Schlag Wasser im Gesicht auch über meine Haare verteilt, die Hose, das Hemd, die Krawatte…  in Windeseile war ich angezogen und stand als UvD, der eigentlich seinen Dienst im wachen Zustand verrichten sollte, in der ersten Reihe und erstattete um punkt 7 Uhr dem Spieß Meldung:

„Stab Korpsnachschubkommandeur 1 ,  Stabs-Kompanie,  19 Mann angetreten, ein Mann im Urlaub, drei Mann im San-Bereich ein Mann im Spind….  rat´ mal wo die andern sind….. „

Scheiße…. Wenn es jetzt ein Donnerwetter gibt…..  Ich hatte die Wette um einen Kasten Bier gestern Abend abgeschlossen. Ich wettete, dass der Spieß besoffen ist und nichts merkt.  Ist er nüchtern, hab ich jetzt die Arschkarte gezogen. Es gab kein Donnerwetter, also ist der Spiess wie fast immer besoffen, also ging der Kasten auf die Rechnung meines Wettpartners des Gefreiten Schlickewei.  

Er schaute mich mit leicht verdrehten Augen an….  Dann lallte er.

„Kei-ein-ne…. Nebensä-schl-sächschlkeitn.  Nur Stärke uuund Drehzahl- Ooops. „  Erstaunlich, was der Kerl so von sich gab konnte man fast vollständig verstehen.

Die ganze Kompanie lachte sich schief. 

„Waas gbs n´ da ssu Lachn?“….  Wollte der Spiess nun böse werden, was ihm aber nicht wirklich gelang.

„Wettreeen…..“  was wohl „wegtreten“ heißen sollte.   Langsam schlichen sich alle erst mal wieder in die Kojen, denn der offizielle Dienst beginnt um 8 Uhr. Frühstück war nicht.  Der Küchenbulle schlief auf unserer Stube 115 und ebenso der Hauptgefreite der bei Major Vetter, dem S1 Offizier Dienst tat.

Das hatte zur Folge, dass unsere Stube erstens immer gut zu futtern in den Spinden hatte und zweitens wir bereits einen Tag früher als der Spieß vor den geplanten Quicktrains erfuhren. Hauptgefreiter Rosenbaum hatte die Aufgabe die verschlüsselten Befehle, also auch die Quicktraintermine zu entschlüsseln und dem Battaillonskommandeur vorzulegen.

Rosenbaum war nicht der schlankeste. Man sah ihm seine Vorlieben für fette Speisen schon von weitem an. Darum: Quicktrain-Info für Schinken.  Und wir profitierten alle davon. Das heißt Stube 115 profitierte davon. Wir hielten Dicht. Bei 4 Mann auf der Stube geht das.

Quicktrains sind Übungen der Truppe, bei denen die gesamte Kompanie mitten in der Nacht ausrücken musste und erst spät am anderen Tag zurück in der Kaserne war. Also nahmen wir uns alle, in Kenntnis dessen was da des Nachts kommen sollte,  (Stube 115) beim Spieß am Vorabend Urlaub. Oder aber einer von uns ging am Abend vorher in den San-Bereich, meldete  sich krank. Der nächste hatte einen Heimaturlaubstag beantragt. Oder man nahm sich an dem Tag einen Tag Sonderurlaub, den jeder irgendwann mal für irgendwas bekommen hatte und nehmen konnte wann er wollte.  Für solche Fälle hatte jeder von uns vieren also Spielraum. Aufgefallen ist das nie.

Wenn dann gegen 3:30 Uhr in der Früh die gesamte Kaserne ausgerückt war, waren wir nicht da oder schliefen ruhig und zufrieden im Sanitäts-Bereich. Bis zur Rückkehr der restlichen Truppe.

Das war meistens gegen 18 Uhr. Dann allerdings waren wir schon auf dem Ritt in die Stadt um uns irgendwo genüsslich ein Jägerschnitzel einzuverleiben.

Zum Zapfenstreich um 24 Uhr waren wir zurück…  alles war inzwischen gereinigt, die Kameraden schliefen und wir konnten wieder einen Zentimeter vom Maßband abschneiden.

Ganz so spurlos ging der Morgenapell heute am Spieß jedoch nicht vorbei. Mittags war er halbwegs nüchtern und befahl eine  Überprüfung der Dienstkleidung nebst Stahlhelm für alle Mannschaftsdienstgrade, also alle die nicht sich mindestens Unteroffizier schimpften.  Irgendjemand musste ihm am Vormittag von meiner kleinen „Verarsche“ was gesteckt haben.

Mich hatte er deswegen nun besonders auf dem Kieker. Also musste er sich irgendwie rächen.

Die Stahlhelme haben innen ein Lederfutter. Auf dieses Futter hatte ich eine kleine Blume mit Kugelschreiber gemalt und daneben „Noch 160 Tage“  geschrieben.

Triumphfierend fragte mich der Spieß „was ist das?“

„Ein Stahlhelm, Herr Oberleutnant“  kam meine Antwort.

„Wollen Sie mich verarschen?“  fragte er mich.

„Nein Herr Oberleutnant,  das ist wirklich ein Stahlhelm.“ Ein Grunzen und Kichern ging durch die ganze versammelte Mannschaft.

„Was steht da drin Herr Gefreiter?“  fragte er mich erneut.

„Nichts sagte ich. Der ist total leer.“

„Sie haben wohl einen Clown verschluckt. Was ist da in das Futter eingraviert?“

„Hineingemalt, Herr Oberleutnant, wenn sie das Blaue meinen.“

„Dann eben hineingemalt Sie Klugscheißer!“

„Soll ich es Ihnen vorlesen, Herr Oberleutnant?“

„Jetzt ist gut Mann. Noch so eine Bemerkung und sie können was erleben.“

„Aber Sie fragten mich doch was da drin steht. Da sind Zahlen, zwei Worte und eine stilisierte Blume.“

„Jetzt reicht es. Noch hundertsechzig Tage, steht da.“

Warum fragte mich dieser geistige Tiefflieger wenn er offensichtlich des Lesens doch mächtig war?

„Ist das Ihr Stahlhelm?“

„Ja, Herr Oberleutnant, seitdem ich bei der Truppe bin, wenn ich entlassen werde, gebe ich ihn hoffentlich wieder ab.“   Das war nichts, worüber man sich aufregen konnte, dachte ich.

„Haben Sie das geschrieben?“ langsam wurde er nervös

„Ja.“

„Was heißt das?“ wollte er nun wissen

„Was heißt was, Herr Oberleutnant?“

„Was soll das HF  da drin?“

Nun wurde ich ein wenig ungehalten. „Das sind meine Initialen, Herr Oberleutnant. Initatialien sind die jeweiligen Anfangsbuchstaben eines Vor und Nachnamens.  Ich habe leider meinen Dienstgrad vergessen. Soll ich noch Gefr.  für Gefreiter dazuschreiben Herr Oberleutnant?“

Das war wohl ein wenig zu heftig. Ich merkte, wie sich sein hochroter Kopf  sich langsam aber sicher in ein bläuliches  Grün verwandelte um dann wieder ins Rot, diesmal aber eine Nuance tiefer.

„Das nenne ich Beschädigung von Bundeswehreigentum. Mutwillig. Was haben Sie sich dabei gedacht?“

„Na ja“, stotterte ich, „dass ich noch hundertsechzig Tage habe.  Besser hatte…  jetzt sind es nur noch 149….“

Jetzt musste er bald platzen, dachte ich. Die Jungs links und rechts neben mir konnten sich nicht mehr lange halten, dann würden sie schreiben vor Lachen.

Oberleutnant Beier sah keine andere Möglichkeit mehr als die Flucht nach vorn anzutreten.

„Kompanie wegtreten“  schrie er aus Leibeskräften  „und Sie….“   Er schaute mich an wie ein mordlüsterner Zombie….  „Sie kommen mit.“

Ich trabte hinter dem noch immer etwas wankenden Spies her und betrat sein Dienstzimmer.

„Was glauben Sie eigentlich wer sie sind?“  Schrie er mich an.

„Ich glaube, ich bin Gefreiter“  sagte ich.

„Sie Sind ein Schmarotzer“ schrie er mich an. „Sie beschädigen bundesdeutsches Eigentum. Das werden Sie bezahlen.“

„Sie ersetzen das Futter, es wird Ihnen vom nächsten Sold abgezogen. Gleichzeitig haben Sie die ganze Woche Ausgangssperre und schieben am kommenden Wochenende UvD Dienst. Gleichzeitig schreiben Sie einen Aufsatz zum Thema: Was hat die Pflicht zum treuen Dienen mit dem Beschmieren von Ausrüstungsgegenständen zu tun.  Ist das Klar?  Den Aufsatz legen Sie mir bis morgen vor.  Über eine DIN 4 Seite bitte.“

Er fand langsam seine Beherrschung wieder.

„Außerdem ist ein Apell in der gesamten Ausrüstung und Bekleidung außerhalb der Dienststunden durchzuführen. Nach Dienstschluss. Den Termin teile ich Ihnen noch mit….“

Scheiße….  Die Woche  war kaputt. Das Wochenende auch… Für das Futter lässt sich eine Lösung finden  Den Aufsatz schreibe ich mit links. Der Appell…  na wollen mal sehen…..

„Herr Oberleutnant“, sagte ich,  „ich möchte Sie um etwas bitten.“  Tat ich kleinlaut. 

„Was denn?“

„Sie wissen doch dass meine Mutter letztes Jahr gestorben ist und ich fahre einmal in der Woche heim um dort meinem Vater und meinen Brüdern den Haushalt zu führen. Mein Entlassungsgesuch ist ja abgelehnt worden.“

„Ja klar, was dachten Sie?  Das sich jeder hier verpissen kann wann es ihm gefällt?“   

„Können Sie mir das schriftlich geben?“ tat ich entrüstet.

„Habe ich doch gesagt, kommt ans schwarze Brett. Heute noch.“

„Nein, das mit dem verpissen meine ich.“ Jetzt hatte ich ihn wieder am Wickel.

„Wie meinen Sie das?“

„So wie ich es gesagt habe.“  Jetzt musste ich meinen Plan sofort hinterherschießen, denn er war unsicher, das merkte ich ihm an:

„Kann man diese Ausgangssperre bitte ab kommenden Montag beginnen und in der darauffolgenden Woche den UvD Dienst machen?.... Ich war doch erst in dieser Woche dran.“

„Gut  sagte der Spies will mal nicht so sein. Also ab Montag nächster Woche. Schauen Sie am Schwarzen Brett…  da steht das dann für alle sichtbar auch zur Abschreckung.  Und das andere von gerade….  Äh…  ich meine das mit dem verpissen…..  ist mir so rausgerutscht.“

„Kann ja mal vorkommen“, sagte ich, bedankte mich für sein Entgegenkommen und ging auf meine Schreibstube, so nennt man bei der Bundeswehr das Büro. Guter alter deutscher Wortschatz.

Nun fing die Organisation an….  Ich hatte natürlich weder Lust, noch Zeit diesen ganzen Scheiß wegen der Kritzelei im Stahlhelm auf mich zu nehmen. Zunächst einmal war die gesamte Kompanie bereit, in ihre Helme Gleiches zu malen und zu schreiben, was auch noch am gleichen Tag passierete. Am Montag der darauffolgenden Woche würde ich ihm den Aufsatz geben, denn auch hier hatte ich ja um Aufschub gebeten und erhalten.

Gleichzeitig mit dem Aufsatz werde ich eine Beschwerde gegen diese „Erzieherische Maßnahme“ wie es in gutem Soldatendeutsch heißt, beim Kommandeur einreichen. Mal sehen wer hier den Kürzeren zieht.

Erstens, so schrieb ich,  stünde die Maßnahme in keinem Verhältnis zur „Tat“, wenn man diese als solche bezeichnen will. Zweitens hat fast jeder in seinem Stahlhelm solche Dinge stehen, warum also wurde nur ich bestraft. Drittens wäre diese Strafe eine überzogene und nicht zumutbare Härte, nur wegen dieser Kritzelei. Und fünftens äußerte ich die mögliche Vermutung, dass diese, von mir als Schikane angesehene Maßnahme wohl nur wegen meines Entlassungsgesuchs ausgesprochen  worden wäre. Der Bundesminister der Verteidigung höchst persönlich hatte mir geschrieben, dass er auf Soldaten wie mich nicht verzichten könne. Der Schwätzer.

Ich fuhr also am Wochenende nach Hause, schrieb meinen Aufsatz mit der Schreibmaschine und meine Dienstaufsichtsbeschwerde.

Am Montagmorgen gab ich beides dem Spiess. Ich merkte wie er kochte. Es blieb ihm keine andere Wahl, als die Beschwerde an den Kommandeur weiterzuleiten. Sein großer Fehler aber bestand darin, den Aufsatz gleich der Beschwerde beizufügen. So machte dieser natürlich in der Führungsriege die Runde und ich avancierte zum großen Star der Truppe.

Zwei Tage später wurde ich ins Allerheiligste, zum Büro des Kommandeurs gerufen, denn eine Beschwerde gegen einen Offizier…  die bearbeitet der Kommandeur persönlich.

Ich hatte schon sofort nach der Grundausbildung den Durchblick und wusste, dass diese Sterne auf den Schultern der Kommissköppe nichts zu bedeuten haben, zumindest nicht für einen einfachen Wehrpflichtigen, wie wir armen Säcke damals bezeichnet wurden.

Hacken zusammen, Mütze ab, grüßen… so war es Vorschrift  und so machte ich auch.

„Soso“ sagte der vor mir stehende Generalleutnat, der niedrigste Generalsrang, vielleicht so alt wie mein Vater, also bei Kriegsende noch ein Kind.

„Sie  sind das also“…..

„Nehmen Sie Platz Herr Gefreiter. Möchten Sie eine Tasse Kaffee?... Eine Zigarette?“…

Beides nahm ich dankend an. Wird wohl ein fröhlicher Nachmittag, dachte ich.

„Ich habe hier Ihre Beschwerde“  begann der Goldjunge vor mir. „Bisschen haarig die ganze Sache“, meinte er.  „Um es vorweg zu nehmen, ich gebe Ihnen Recht. Das ist alles ein wenig überzogen, aber ich muss der Sache nachgehen, weil Sie sich über einen Offizier beschwert haben.“

„Mir ist das eigentlich egal, Herr Gerneralleutnat“….  „Frisch, sagen Sie Frisch zu mir….  Einfach Herr Frisch….“,  meinte er.

„Sie haben recht“, sagte ich „klingt frischer…  hehe“…. 

„Nun übertreiben Sie nicht gleich wieder“ meinte der goldige Frischling.

„Sorry.“

„Also ich möchte Sie bitten, Ihre Beschwerde zurück zu nehmen. Im gleichen Atemzug nimmt Oberleutnant Beyer die erzieherische Maßnahme fast vollständig zurück. Ehrlich gesagt, er muss sie ohnehin zurücknehmen, weil ich es ihm schon befohlen habe aber er ist Berufssoldat. Ziehen Sie die Beschwerde nicht zurück, wirkt sich das nicht besonders positiv  auf die Beurteilung bei eventuell anstehenden Beförderungen für Oberleutnant Beier aus.“

„Keine Ausgangssperre?“  fragte ich. „Kein Wochenende UvD?  Kein Sonderappell?“

„Nichts von alledem….  Nur der Sonderappell….  Aber während der normalen Dienstzeiten….“  Er stockte und ein leises Grinsen huschte über sein Gesicht.

„Den Aufsatz, den würde ich gerne kopieren und zu meiner eigene kleine Kuriositätensammlung nehmen. Muss aber unter uns bleiben.“

„Wenn ich dafür einen Tag Sonderurlaub……“  weiter kam ich nicht…..

„Sie übertreiben schon wieder Herr Gefreiter…..  Sie können wegtreten“….

Ich drehte mich noch einmal um bevor ich den Raum verlies und sah ihn grinsen. „Ja, sagte ich, Sie können den Aufsatz gerne nehmen. Aber das Copyright bleibt bei mir“….

Am Nachmittag  stand die gesamte Mannschaft ungläubig vor dem schwarzen Brett und las wie Oberleutnant Beyer dort in sorgfältig ausgesuchten Worten die Rücknahme seiner gesamten erzieherischen Maßnahme begründete, bis auf den Sonderappell  aber der wurde nie durchgeführt.

Oberleutnant Beyer übersah mich fortan. Egal was ich machte, ob ich zum Apell erschien oder nicht, ob ich ihn  grüßte oder nicht…  für ihn war ich Luft….  Na ja, es waren ja nur noch 139 Tage die er mich aushalten musste.

 

Und hier der Aufsatz und der Aushang am schwarzen Brett……