Nobbys letzter Fall

 

Sanfte Gewalt wurde hier angewendet, sagte Kommissar Lehmen. Norbert Lehmen, den sie alle nur Nobby nannten. Nobby, der seinen Job seit 34 Jahren aus der Überzeugung heraus ausübte, dass er es in keinem andern Beruf schaffen würde, als in dem des Kriminalisten, seine Familie zu ernähren.  Er schnüffelt halt gerne, was seinen Kindern bereits dermaßen auf die Nerven geht, dass sie, sobald er zu ihnen zu besuch kam, alle Türen verschlossen, bis auf Wohnzimmer und Bad. Und selbst hier hatten sie vorsorglich  alle Schlüssel von den Schranktüren abgezogen, sofern welche vorhanden. 

Nobby war ein unersättlicher Schnüffler  und im vorliegenden Fall  erkannte er sofort, dass sanfte Gewalt im Spiel war.

Sanfte Gewalt, das war eine Art Hypnose, die er selbst von Mal zu Mal bei seinen Verhören anwandte, wenn sich absolut kein Ergebnis bei den Befragungen von Verdächtigen oder Zeugen abzeichnete.  

Diese Hypnose, die Nobby bereits vor 15 Jahren von einem Zahnarzt erlernte, konnte bewirken, dass sich die Befragten in einer Art Dämmerzustand in einer eigenen, für Sie angenehmen Scheinwelt befanden und ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgingen…..  sei es den Hund ausführen, mit den Kindern baden zu gehen oder ein Bild zu malen. Dabei plauderten Sie genüsslich alles das aus, was Nobby wissen wollte.

Im vorliegenden Fall hatten der oder die Täter einer älteren Dame, vor ihrem Tod, diese Hypnose verpasst und sie anschließend offensichtlich mit sanfter Stimme durch ihre eigenen Räume geführt um ihnen die Aufbewahrungsorte all ihrer Schmuckstücke, des Geldes und der Wertpapiere zu offenbaren.

Zur Lösung der Angelegenheit kam erschwerend hinzu, dass die alte Dame vor ihrem Tod  nicht wieder aufgewacht war, sich also noch in ihrer ach so wunderbaren Scheinwelt befand, als Sie denn schließlich starb.

Ja, selbst der Gesichtsausdruck der Dame war so glücklich, das Nobby dachte, sie befände sich in einem Spielzeugladen für Erwachsene und wolle diesen nie wieder verlassen.

Nobby schaute der alten Dame noch ein paar Minuten in ihr totes, aber dennoch glückliches Gesicht. Ihm fiel auf, dass, obwohl offensichtlich bereits seit zwei Tagen tot, keiner dieser abscheulichen Totenflecke zu sehen war….  Auch die Finger, die normalerweise unter den Nägeln anfangen einen bläulich-schwarzen Farbton anzunehmen, waren ohne jegliche Anzeichen dafür, dass der Tod bereits vor zwei Tagen eingetreten war.  Diesen Umstand wollte er lieber den Laborspezialisten zur Prüfung überlassen. Der Obduktionsbericht würde alles an den Tag bringen

Er blickte sich also zunächst einmal um, was denn so alles von diesen abscheulichen Tätern mitgenommen wurde.

Auf Geld hatten sie es offensichtlich nicht abgesehen, denn die geschlossene Geldbörse mit der am Morgen erst vom Postamt abgehobenen Rente i. H. v.  genau 1.433,42 € lag noch auf dem Wohnzimmertisch, zusammen mit dem Abhebungsbeleg.

Auch der kostbare Schmuck, den sie an Händen und Hals trug, sowie das gesamte Tafelsilber und das wertvolle alte Meißener Porzellan stand noch vollständig in der Vitrine.

Keiner der unzähligen wertvollen Seidenbrücken und alten in Stuckrahmen gefassten Ölgemälde fehlte…

Was konnten die Täter hier nur entwendet haben?.....  Rätselhaft, dachte Nobby….  So etwas war ihm noch nie passiert….  Und ein Sexualtäter war hier sicherlich nicht am Werk.

Keiner der Angehörigen war zugegen. Die Tür wurde ihm vom Hausmeister aufgemacht, nachdem ihn dieser anonyme Anruf erreichte, in der Färbergasse 7 gebe es eine alte, halb verweste Frauenleiche und es sei dort vor zwei Tagen eingebrochen worden.

Er konnte absolut nichts finden, was darauf hinwies, dass hier ein Verbrechen stattgefunden hatte, bzw. waren alle Spuren zumindest auf den ersten Blick sorgsam verwischt.

Aber das Merkwürdige war für Nobby, dass die verwesende Frauenleiche offensichtlich noch gar nicht verwest war. Wüsste er nicht genau, dass sie unter ungeklärten Umständen gestorben war, diese bedauernswerte alte Dame, man könnte meinen, sie lebte noch…. 

Jetzt wurde es mysteriös…. Wenn diese Frau aussah wie eine Lebende, dann lag hier ein besonderer Fall vor, den es erst recht aufzuklären galt.

Nobby rekapitulierte: Eine, der  Verwesung trotzende Frauenleiche lag hier in ihrem Sessel vor ihm….     Alle Spuren waren so raffiniert verwischt, dass oberflächig betrachtet, nichts auf ein Kapitalverbrechen hinwies.

Hier waren Profis am Werk….  Er musste hier schnellstens die Sonderkommission einschalten, das Dezernat für fast unlösbare Fälle.

„Alles einpacken“…  sagte er zu seinen Begleitern….  „nichts wird hier mehr angerührt“…..  das ist ein Fall für das Dezernat X…  ich mache mir hier nicht die Finger schmutzig….

Zurück in der Behörde wurde zunächst das Band sichergestellt auf dem der mysteriöse Anrufer seine Botschaft gesprochen hatte. Dieses Band  musste schnellstens  analysiert werden.

Dazu schaltete er den besten Spezialisten des Präsidiums ein, der den Mitschnitt umgehend unter größter Vorsicht an sich nahm um ihn zu analysieren.

Bereits nach 4 Minuten lag das schriftliche Ergebnis vor. Eindeutig sprach der anonyme Anrufer nachfolgenden Text aufs Band:

"Bitte kommen Sie schnell, vor der Färbergasse sieben liegt eine alte, halb verweste faule Eiche, die Eiche liegt da schon drei Tage. Und vor 2 Tagen ist da schon was abgebrochen ……"

Im selben Augenblick klingelte das Telefon. Eine alte Dame aus dem 2. Stock der Ferbergasse 7 wollte sich beschwerden, man habe bei ihr eingebrochen, aber soweit sie es erkennen konnte sei nichts gestohlen… 

Noch während seines 6 wöchigen Sonderurlaubs erhielt Nobby ein erstklassiges Hörgerät. Anschließend  bekam Nobby noch weitere 4 Monate Sonderurlaub aufgrund seiner bisherigen Arbeitsleitung, nebst Urkunde und einem Strauß Nelken.

Nobby wurde vorzeitig auf Kosten der Steuerzahler in Pension geschickt und konnte sich ab sofort seinem Hobby, der sanften Hypnose, widmen.

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