Möbelverkauf in den 60er Jahren

Der Zuzug immer mehr polnischer Gastarbeiter hat seinen Höhepunkt erreicht. Diese Leute müssen ja auch irgendwo wohnen und wer irgendwo wohnt, muss auch irgendwie eingerichtet werden.

 

Was viele Möbelhäuser in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu Hauf haben: Ladenhüter im Überfluss…. Erste Küchenzeilen statt Küchenschränke mit eingebauter Eieruhr und Brotfach waren gefragt. Eiche rustikal war im Kommen. Wohin aber mit den Nussbaum- Palisander- und Mahagoni-Wohnzimmerschränken auf 4 schrägen Beinen mit Barfach, zwei Glastüren in der Mitte und Schublädchen für das Besteck?

 

Es ist Samstag 9 Uhr. Bei Neumöbel irgendwo im Ruhrgebiet, einem seit Ende der 40er Jahre bestehenden angesehenen Möbelhaus in Mitten der City, werden über die moderne Rolltreppe die ersten Sehleute (Fachjargon der Verkäufer für Besucher die „nur mal gucken“ wollen) in die erste Etage befördert, wo das Heer der Verkäufer, versteckt hinter einem Vorhang wartet.

 

Der Nächste bin ich…. Ich kann jede neue „Kundenpartie“ nun weitergeben um auf die Folgende zu warten oder … ran an die Buletten… greife ich ins Leere, stelle ich mich wieder hinten an…. Hartes Verkäuferleben aber:…. Man erkennt schon an der Körpersprache den potenziellen Käufer.

 

Es fahren 8 Leute die Rolltreppe hoch. Zwei Kinder, zwei Paar Großeltern und ein Elternpaar um die 30. Wie es aussieht frisch aus Polen oder Russlanddeutsche. Kombiniere: Die haben ihre Wohnung zugeteilt bekommen, ihren Startkredit erhalten und wollen diesen mit dem restlichen Gesparten jetzt für eine komplette Wohnungseinrichtung anlegen. Die sind genau richtig.

 

Ich begrüße sie freundlich: Guten Morgen liebe Leute. Bissken Kucken?..... Ja… Alle gucken betreten zum Boden bis auf die Kinder die nun fragen: Mama was will der Mann?

 

Richtig, sage ich. Was sucht ihr denn?

Alles lieber Mann. Aber wir erst kucken.

Ja, hab ich doch gesagt. Wisst ihr wo alles steht? Was wollt Ihr zuerst gucken?

 

Der Familienvater und seine Frau wie die Kinder geben gleichzeig Antwort: Sie: Küche

Er: Schlafzimmer

Kinder: Fernseher

 

Na, sage ich auf die Oma 1 schauend, die offensichtlich das Sagen hat in dem Clan, denn die beiden Großväter halten sich zurück, entweder sind sie der deutschen Sprache nicht mächtig oder haben, wie ich vermute, nichts zu sagen:

Wollt ihr nicht erst mal das Wohnzimmer sehen? Ich habe da so einen schönen Schrank, …. Der ist übrigens mit Fernseher …. im Preis drin…..

Ein achtfaches Jaaaaa…. Schallt mir entgegen und ich höre die Omas beim Gang zum Aufzug flüstern: Dann haben wir gespart Fernseher und können kaufen noch Teppich für Wohnzimmer….. Aha, dachte ich mir…. Teppich….. da sind eine Menge runtergesetzt, die wir, bei Erreichen von 5.000 DM Umsatz auch als Zugabe weggeben können. Schon gespeichert!

 

Zielgerichtet gehe ich auf den letzten Nussbaumschrank mit TV aus der DDR von denen nur jeder 3. ca. ½ Jahr seine Funktion erfüllt. Ist zu groß sagt Opa 2….

Quatsch sage ich der passt in jede Wohnung.

Nein, ist zu groß wir haben 3 Meter 40 cm Wand. Der ist 3 Meter 50 cm. Wie viele Wände habt Ihr? Doofe Frage könnte man meinen aber alles hat seinen Grund: Na vier aber die sind alle gleich groß… zwei bissken kleiner. Oma, sage ich, komm mal her.

Oma fühlt sich geschmeichelt und stellt sich neben mich.

Dieser Schrank passt wunderbar zu Euer Kette…. Hat Fernseher und….. ich schenke Euch noch einen Teppich, wenn ihr Sitzgarnitur kauft.

Aber der passt nicht, kommt wieder der Einwand von Opa.

Die jungen Leute machen den Mund gar nicht auf. Habt ihr einen Keller? Frage ich. Ja…. Na dann mache ich Schrank auf 2,90 Meter und ihr stellt ein Teil von 50 cm in Keller oder Kinderzimmer für Bücher. Es handelte sich hier um einen Schrank bestehend aus 3 1 Meter Elementen und einem 50 cm Teil.

 

Oh Ja, Bücher rufen die Kinder…. Ich greife in den Schrank und gebe den beiden Gören jeweils eine Buchattrappe… die sind jetzt erst mal ruhig.

 

Und dazu kommt diese Garnitur und das Wohnzimmer ist voll- Was ist mit Tisch, will die zweite Oma jetzt wissen. Wie viel Geld habt ihr? Frage ich. Insgesamt? Für alles?.... Nein nur für Möbel… ihr wollt doch nachher noch Essen gehen oder? Die Lacher auf meiner Seite…

 

Wir haben 10.000 Mark für alles Küche, Wohnzimmer Schlafzimmer und Kinderzimmer. Und Fernseher, sage ich. Nein, das ist extra haben wir 300 DM für.

Die braucht ihr nicht sage ich der Fernseher ist drin den schenke ich Euch. Den Teppich Wollen wir nicht, ist zu teuer sagt nun einer der Opas.

Den Teppich schenke ich Euch auch. Ungläubiges Staunen. Ich habe eine tolle Küche für Euch mit Eckbank (Ladenhüter seit 6 Jahren) und Tisch und Wohnzimmertisch steht hier, ich zeige auf einen Nussbaumtisch der zugegebenermaßen sogar zur Garnitur und Schrank passt, der aber von einem Kunden zurückgeholt wurde der nicht bezahlt hatte. Die Macken waren kaschiert und der Preis von 250 auf 80 € mit 20 € Prämie für den Verkäufer, wenn er nur verkauft wird. Ihr könnt den Tisch sogar rauf und runter Kurbeln. Um dran zu Essen und ausziehen geht auch noch….. Das Staunen hört nicht auf. Und alles für 80 Mark. Passt auf, sage ich…. Alles zusammen hier mit Küche die ich Euch gleich zeige und Kinderzimmer mit Etagenbett: Teppich und Fernseher, dazu Schlafzimmer in Himmelweiß mit Super Schlaraffia Matratze kostet….. Ich hatte das bereits überschlagen, denn 10.000 DM wollen ja ausgenutzt werden….. kostet also:……?

 

Zu teuer ruft nun der zweite Opa.

Nu, sage ich was meinst Du kostet das?

Hab ich gerechnet über 12 tausend DM.

Nein, ich gebe Euch das alles für 9.599 DM. . Da könnt ihr jetzt noch alle zusammen für über 400 DM Essen gehen.

Nein ruft Oma 1 dazwischen. Dann kann Anna in weiß heiraten. Wohl die zweite Tochter denke ich. Alle 16 Augen leuchten.

Komm sagt Opa 1 machen wir Kontrakt,. Ich zahle bar.

 

Gut sage ich, dann kriegst Du nochmal 3 % runter das sind fast 300 DM…. Davon wir bezahlen Musik für Hochzeit von Anna sagt Oma 1

Ich beuge mich zu ihr runter und sage: Und das alles nur, weil mir Eure Kette so gut gefällt. Willst Du haben? Fragt sie. Nein, sage ich die kannst Du behalten, schenke sie Anna zur Hochzeit. Hast Du wieder was gespart. Du guter Mann, sagt sie… komm zur Hochzeit… ja, wenn ich kann, sage ich.

Wir gehen dann zur Schreibmaschine um den Auftrag zu schreiben, nachdem auch die Küche, das Schlafzimmer und das Kinderzimmer der Besichtigung standgehalten hat. Beim Addieren der Preise bemerke ich, dass wir statt bei 9.599 bei 8.688 gelandet sind. Darum mache ich einen Komplettpreis von 9.599 DM und gebe daraus, wegen Barzahlung dann statt 3 % nun 5 %, Nachlass für Hochzeit von Anna und weil meine Ururgroßmutter ja auch aus Kattowitz stammt, Sage ich. (oder war sie nur katholisch?... egal… der Zweck heiligt die Mittel).

 

Du Prima Kerl, sagt Opa 1 und Oma 2 drückt mich herzhaft an ihren übergroßen Busen. Knoblauch aßen sie wohl auch alle gerne. Mir machte das nun nichts. Jetzt machte der junge Mann den Mund auf: Ich bringe noch Kumpel die alle Möbel kaufen müssen. Du gut.

 

Ja, sage ich, wenn Du das machen dann Du auch gut. Nach diesem Verkauf kommen Anschließend noch ungefähr 30 polnische Aussiedlerfamilien, leider jedoch keinen Fernseher mehr für den Wohnzimmerschrank. Allen wird geholfen werden und ich…. Ja ich habe samstags immer einen kostenfreien Polnisch-Kurs… und es wird nun von den polnischen Kunden immer nach dem Verkäufer gefragt wo kommt Omma aus Kattowitz…….