Eitelkeiten

 

Ein Mensch mit großem Taktgefühl:

sieht seine Frau, die nackt und kühl

vorm Spiegel sitzt im Gästezimmer,

sich aufzubrezeln, so wie immer.

 

Sie puscht, lackiert, bemalt sich reichlich

der Mensch, er registriert es heitrich,

bemerkt er doch seit vielen Jahren,

wie nutz- und zwecklos ihr Bemalen.

 

Bestätigt wird's durch ihre Klage

das schon der Zeit-Zahn an ihr nage.

Dem Menschen selbst gehts auch nicht besser

er lag schon fünf Mal unterm Messer.

 

Schlupflid, Mundwinkel, Doppelkinn

das Bauchfett und die Denkerstirn,

an allem wurde schon geschnitten,

demnächst auch an den Alterstitten.

 

Der Mann, die Frau, die Eitelkeiten

gehör'n zusamm' seit Ewigkeiten.

Doch ewig gilt, was ewig wundert:

Verfall beginnt nicht erst mit hundert.

 

 

 

© Horst Fleitmann 03/2015

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