Sei still ...

Als ich der Mutter meinen Kummer klagte,

ich höre noch, was sie dem Kinde sagte

mit einem Lächeln, wie ich`s nie gesehn –

„Sei still, es wird vorübergehen.“

 

So hielt ich still. Und manches ging vorüber.

Denn alles geht vorüber mit der Zeit:

Das große Glück. Das Frösteln und das Fieber.

Selbst ein Novembertag, ein noch so trüber.

Beständig bleibt nur Unbeständigkeit.

 

Als dann der große Zweifel an mir nagte,

– Ich wusste schon, dass man es keinem klagte

und dass sogar die Freunde missverstehen –

so oft ich damals an mir selbst verzagte,

war es die leise Stimme, die mir sagte:

Sei still, es wird vorübergehen.

 

Was ist nicht alles schon dahingegangen

wie Schneegestöber und wie Windeswehn …

und dennoch hab ich jetzt erst angefangen,

den Dingen langsam auf den Grund zu sehn.

Wer nichts begehrt, der ist nicht zu berauben,

Gespenster sind nur dort, wo wir sie glauben.

 

Ich habe lange, lange nicht geklagt.

Nichts tut das Leid dem, der „es tut nichts“ sagt.

Sei der du bist. Mag kommen was will.

Es geht an dir vorüber, bist du still.

 

 Mascha Kaleko