Christkind der Kölner Domplatte

Kurzweilig und festlich wie immer war der Heilige Abend gewesen. Es gab den schon obligatorischen Kirchgang, gemütliches Beisammensein bei Kerzenlicht, eine spannende Bescherung und fröhliche Lieder. Von der  schmackhaften Weihnachtsgans war noch einiges übrig geblieben. Nun stand die Verabschiedung der Kinder kurz bevor.

Doch da fiel ihr ein, dass es anderen in dieser Nacht wohl nicht so gut ginge wie uns. „Habt ihr etwas dagegen, wenn wir auf unserem Heimweg noch an der Domplatte vorbeigehen? Für die Armen dort müsste doch sicher noch etwas vom Braten übrig sein“, fragte sie.  „Und eine Flasche Rotwein oder zwei wären doch auch nicht schlecht in dieser Heiligen Nacht.“

Unsere Antwort kam nahezu im Duett: „Klar, Fleisch tranchieren und einpacken, such dir zwei Flaschen aus“. Gesagt – getan. „Frohe Weihnachten!“ Sie verließen  uns.

Wir waren mit unseren Gedanken allein. Und hatten das gute Gefühl, bei unserer Erziehung vielleicht doch nicht alles falsch gemacht zu haben. Die Weihnachtsbotschaft schien angekommen zu sein. Bei unserer Tochter und ihrem Partner.

Ihr Anruf am 1. Weihnachtstag machte uns erschütternd klar, dass sie nur eine einsame, alte Frau dort angetroffen hatten. Wo die anderen Obdachlosen hingegangen waren, entzog sich ihrer Kenntnis.

Bedrückend und beglückend zugleich war jedoch die Aussage dieser armen Frau, ihr wäre in dieser  Nacht erstmals in ihrem Leben das Christkind begegnet!

 

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