Englischer Humor

 

Wieder einmal hatte ich in England geschäftlich zu tun. Und wie so oft zeigte sich dieses Land erneut von seiner schönsten Seite.

 

Mitten im Frühling blühten die herrlichsten Blumen und Büsche in nahezu allen Spektralfarben. Überall duftete es. Realistische Anzeichen mehrten sich, dass der lange Winter endgültig besiegt sei. Ich befand mich mitten im schönen Kent, dem „Garden of England“.

 

Mein englischer Geschäftsfreund George begleitete mich auf einer langen Tour durch die schöne Region. Es galt, eine passende Werbeagentur für meinen Konzern zu finden.

 

Schließlich waren wir nach diversen Gesprächen mit möglichen Partnern in Tunbridge Wells fündig geworden. Dass die Geschäftsführer kein Deutsch sprachen, war kein großes Problem. Im Zweifelsfall würde George auch die schwierigsten Klippen gemeinsam mit mir umschiffen. Der Vertragsabschluss war in der kommenden Woche geplant.

 

Noch stand eine lange Fahrt durch Kent und eine Übernachtung in London auf dem Plan. Danach erst würde ich die Insel verlassen. George hatte die Idee, mich  unbedingt noch zum Abendessen einzuladen. Heute also doch eine zweite warme Mahlzeit!  Wo ich doch abnehmen wollte …

 

In Speldhurst, Kent, angekommen, stoppte George unseren schwarzen Leihwagen vor einem ausgesprochen hübschen Restaurant im Tudor-Stil. „Hier kannst du ganz ausgezeichnet essen, mein Freund!“ meinte George und erzählte, dass er ein- bis zweimal monatlich dieses Restaurant aufsuche. Der Qualität wegen. Und weil nicht nur englische Küche auf der hervorragenden Speisekarte angeboten würde. Hier im „George and the Dragon Inn“.

 

Nach dem Händewaschen nahmen wir an der einladenden Aperitif-Bar gerne Platz. Eine reizende Lady mit aristokratischen Gesichtszügen, vielleicht Anfang fünfzig, fragte nach unseren Wünschen.

 

Und George, der  die hübsche Frau hier noch nie gesehen hatte, begrüßte sie auf seine Art mit typisch englischem Humor. „Hallo, I ´m George. Are you the dragon*?“ Mir stockte der Atem. So sehr verblüffte mich seine Vorstellung. Ich vermute, in  Deutschland hätte man sich dafür fast entschuldigen müssen.

 

Die englische Dame jedoch stand über den Dingen, amüsierte sich köstlich über Georges` Gedankenblitz und servierte uns charmant den gewünschten Dry Sherry, bevor wir zu Tisch gebeten wurden.

 

 

*Engl. Dragon = Drache

 

                                                        Copyright by Rainer Tiemann  5/2012