Schnell wird man ein Ewald

 

Sehr gerne erinnere ich mich an meine unbeschwerte Kindheit und meine wundervolle Großmutter, die nicht nur spannende, sondern auch merkwürdige Geschichten  erzählen konnte, die sich aber tatsächlich zugetragen haben sollen. Auch diese.

 

Eine Nachbarin hatte in den Dreißiger Jahren entbunden. Endlich war auch der ersehnte Stammhalter geboren. Welch ein Glück! Vor allem für den Kindsvater, der es bisher auf sechs Töchter gebracht hatte. Er bekam den Auftrag seiner Frau, möglichst rasch zum Standesamt zu gehen – das Familienstammbuch würde schließlich durch die Geburt seines Sohnes aufgewertet – um den neuen Erdenbürger anzumelden.

 

Die Namensgebung des Sohnes seitens der bettlägerigen Mutter war beschlossene Sache. Er sollte germanisch klingen, also Reinhold. Es passe auch in die Zeit, hatte sie dem Erzeuger vermittelt. Der war einverstanden und begab sich zum Standesamt. Grundsätzlich kein Problem, wären da nicht die acht Wirtshäuser in dem kleinen Ort in Niedersachsen gewesen, die auf dem Weg zum Standesamt zu passieren waren. Nahezu unüberwindbare Hindernisse, wie sich dann später herausstellte.

 

Auf einen Stammhalter musste natürlich angestoßen werden. So mit ein, zwei Bieren und den begleitenden Klaren … Das gehörte einfach dazu. Allein schon, weil man nahezu alle seit Jahren kannte. Nach etwa drei Stunden und dem Besuch der acht Gasthäuser, in denen man den neuen Erdenbürger hochleben ließ, erreichte ein ziemlich angeschlagener Vater das Standesamt. „Seine Fahne flatterte voran …“ sagte man später.

 

Auch der Standesbeamte kam erfreut auf ihn zu, beglückwünschte ihn und gab auf den Neugeborenen erst einmal einen Schnaps auf Kosten der Gemeinde aus. „Damit er gut pinkeln kann“, wie er meinte. Dann kamen die Formalitäten. Und ein Problem begann … Denn dem Vater, zwar überglücklich, aber auch gezeichnet von den alkoholischen Getränken, war der Name, den sein Sohn tragen sollte, entfallen.

 

„Nennen wir ihn doch Ewald. In der Nachbarschaft wohnt ein netter Junge, den meine Frau und ich gerne mögen!“, meinte der mit der Anmeldungsprozedur überforderte Vater. Gesagt – getan. Und so kam sein Filius zu seinem Namen Ewald, obwohl er ganz anders heißen sollte.

 

Was  Ewalds Mutter später dazu sagte, ist nicht überliefert.  

 

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