Tod eines Lehrers

 

 

Während unseres Urlaubs hatte Uli, mein ältester Schulfreund, eine Nachricht auf unserem Anrufbeantworter hinterlassen. „Hallo, ihr scheint nicht daheim zu sein. Kurz: Otto P. ist tot, er wurde 90 Jahre alt. Schöne Grüße. Auch an deine Frau!“ Uli war nach dem Abi Lehrer geworden.

 

Die kurze Nachricht lies Otto P., einen engagierten Oberstudienrat, der uns bis zur Oberprima begleitete, wieder bildhaft werden. Er hatte uns in diversen Fächern, in Mathematik, Geschichte und Sport unterrichtet. In Geschichte und Sport gab es keine Probleme. Mathematik war einfach nicht mein Fall. Das Fach interessierte mich nie! Otto P., ein harter, aber stets fairer und um uns besorgter Lehrer, meinte jedoch, durch Fleiß könne man alles erlernen.

 

Wieder einmal war von uns eine Mathearbeit versiebt worden. Die „Fünf“ schien sich für das Zeugnis zu bestätigen. Es folgte seine Reaktion, mit der niemand rechnete. Er lud die fünf „Fünfer-Kandidaten“ zu sich nach Hause ein.

 

Seine reizende, kleine Frau empfing uns zur vereinbarten Zeit. Was würde geschehen? fragten wir uns, als wir in sein altdeutsch eingerichtetes Esszimmer gebeten wurden. Otto P. begrüßte uns, fragte, wer Tee, Schokolade oder Kaffee zum Kuchen einnehmen möchte, den seine Frau frisch gebacken hatte. Nachdem wir unsere Wünsche artikuliert hatten, seine Frau uns bedient hatte, verließ sie den Raum, der Marmorkuchen mit Schokoladen-Glasur wurde angeschnitten.

 

Und unser Lehrer erteilte uns während und nach dem ausgiebigen Kuchenessen einen kostenlosen Nachhilfeunterricht, der unsere Lücken eliminieren sollte. Uns dämmerte das Geheimnis höherer Mathematik. In kürzester Zeit wurde einiges plausibel. Und wir kamen zu dem Schluss: Mathematik ist durchaus erlernbar, wenn man dafür arbeitet!

 

Die nächste Mathe-Arbeit zumindest vergeigte keiner von uns. Allein dafür, lieber Otto P., posthum mein Dank. Dass dann meine erhoffte Abschlussnote „Ausreichend“ im Zeugnis manifestiert wurde, ist sicher auch eines Ihrer großen Verdienste.

 

Hatte Uli vielleicht durch Ottos engagiertes Vorbild den Lehrer-Beruf ergriffen?