Der Rosenstrauß Teil 2

 

Der Mann des am Unfall beteiligten Wagens hat aufgehört zu telefonieren.

„Habe mit meiner Mutter gesprochen“, sagt er fast abwesend, während er  geschockt zu dem Toten sieht. Gleich darauf wendet er sich ab und mustert die Polizisten.

Sein geschulter Blick verrät ihm, das beide eine Zentnerlast wälzen. Seine rechte Hand tastet nach den Zigaretten in seiner Manteltasche. Erst mit dem dritten Streichholz gelingt der Versuch, einen Klimmstängel anzuzünden. Sein Kopf neigt sich nach oben, während er den Qualm tief ausatmet.

„Wissen sie schon, wen sie benachrichtigen müssen?“ , unterbricht er die Stille. Einer der Polizisten, von korpulenter Gestalt und kleinen Knopfaugen, erwidert verdutzt: „Wir haben eine Adresse gefunden, offensichtlich war das sein Ziel“. „Wir drucksen uns noch vor der traurigen Botschaft an die Hinterbliebenen“, wirft der zweite Polizist ein, einen Kopf größer wie sein Kollege und eher von schlaksiger Statur.   

„Ich könnte das übernehmen. Ich bin Seelsorger“, diese Worte verblüffen die beiden Polizisten. „Frank Windlicht ist mein Name. Ich arbeite ehrenamtlich am Flughafen Frankfurt“, fügt er noch mit sanft wirkender Stimme hinzu.

Die Erleichterung der beiden Verkehrspolizisten war fast hörbar, wer übernimmt schon gern solche Einsätze? Nachdem er ihnen seinen Ausweis gezeigt hatte, gaben sie Frank Windlicht die Adresse. „Bei dem Toden handelt es sich um Mike Busch. Gerade kam über Funk der Abgleich mit dem Nummernschild“, sagte der Korpulente von Beiden und drückte ihm beinahe väterlich die Hand. „Keine beneidenswerte Aufgabe, Herr Windlicht“, seufzte er und zog dabei die Augenbrauen hoch. Windlicht starrte auf den Zettel.

 

Sara Wolfermann

Habichtweg 16

Freudenstadt

 

 

Freudenstadt, Habichtsweg 16. Eine Stunde und zehn Minuten später.

 

Die kleine Stichstraße wirkt an diesem ungemütlichen Morgen noch verschlafen. Die Häuser sehen gepflegt aus. Schneereste von einem gerade heimgesuchten Schauer liegen noch in den Nischen an Hausecken und Gartenzäunen.

Frank Windlicht nimmt mit schwerfälligem Schritt die drei Stufen zur Eingangstür. Auf dem Klingelschild steht Wolfermann. Ein letztes Mal tief einatmen ....  Erstaunt vernehmen seine Ohren einen Westminstergong.

Nach zwei Minuten öffnet sich die Tür.

Eine attraktive Frau, mit blonden langen Haaren und blauen Augen, leicht geschminkt aber nicht aufdringlich, steht vor ihm. Ein Leuchten in den Augen, das man kaum beschreiben kann. Wie ein blendend gelaunter Tag am Mittelmeer. Ihre Rundungen lassen weibliche Sinnlichkeit erahnen. Ein Lächeln, das für die ganze Nachbarschaft gereicht hätte, begrüßt ihn mit einem „Hi“.

Windlicht steht noch immer beeindruckt, wie zur Salzsäule erstarrt, vor ihr.

„Ich bin so froh, das du gekommen bist, ich habe kein Auge zugemacht. Endlich geht ein sehnsüchtiger Wunsch in Erfüllung“, haucht sie lächeln dahin.

In diesem Moment schießt es Windlicht durch den Kopf, sie hält ihn für diesen Mike Busch.

„Nun bin ich angenehm überrascht, du hast mir ja nie ein Foto geschickt. Wolltest so die Sache noch spannender machen?“. Ihr Lächeln wurde immer zauberhafter und er immer unsicherer. Frank musste sie jetzt unterbrechen und ihr das Unausweichliche, für sie so Schmerzvolle mitteilen. Er spürte, wie sich aller Mut im Herzen sammelte.

„Mike, du kannst dir nicht vorstellen welche Angst ich hatte, mein armes krankes Herz. Die Ärzte sagen immer wieder, ich solle jede Aufregung vermeiden“. Diese Worte von Sara sind wie ein Genickschlag. Wie gelähmt steht Frank vor ihr, es arbeitet in seinem Kopf. Ich kann es ihr nicht sagen, jetzt noch nicht. Als wäre er von Fäden geführt, wie eine Marionette, nimmt er Sara in den Arm und drückt sie an sich. „Ich weiß“, flüstert er an ihr Ohr, „ich bin ja auch so froh“.

„Nun lass uns aber nach drin gehen, ich habe ein Frühstück vorbereitet. Sicher wirst du nach der Fahrt hungrig sein?“ Sara löst sich sanft aus der Umarmung und führt den noch immer so beeindruckten Frank ins Haus.

Frank Windlicht ist in diesem Moment Mike Busch... 

 

 

Fortsetzung folgt.

 

 

 

Anmerkung: Die Handlung, sowie Personen und Straßennamen sind frei erfunden.