Der Rosenstrauß

Es ist 3:35 Uhr. Ich sitze in meinem Auto und jage mit 200 Sachen über die Autobahn.

Irgendwie spüre ich keine Müdigkeit, noch nie bin ich so schwungvoll aus den Federn gesprungen. Dies noch vor dem Wecker. Ich hatte auch keinen Hunger.

Anders als sonst, wenn ich zum Beispiel in den Urlaub gefahren bin. Da musste ich erst was essen und ich brauchte Kaffee, viel Kaffee.

Die Sicht ist nicht gut, es regnet unaufhörlich. Monoton bewegen sich die Scheibenwischer.

Ich schaue auf die Uhr. Noch knapp eine Stunde, dann bin ich am Ziel aller Träume.

Wie wird es sein? Schließlich sind wir uns noch nie vorher begegnet. Was sage ich?

„Mach dich nicht verrückt“, vernehme ich von meiner inneren Stimme.

Ich merke, wie ich schon wieder auf die Uhr starre. Du hast Zeit, alles ganz entspannt, beruhige ich mich.

 

Ich stelle mir vor, wie ich aus dem Auto aussteige, mit meinem langen schwarzen Mantel. Sie kommt mit wehendem Haar auf mich zu, mein Herz schlägt immer lauter und dann steht sie vor mir und strahlt mich mit ihren blauen Augen an. Und ich sage: "Hi ! Du bist noch tausendmal schöner, als auf dem Foto. Endlich lerne ich dich kennen". Dann umarme ich sie und will, dass dies eine Ewigkeit dauert. Dabei stelle ich fest, ich hätte sie viel lieber gleich auf ihren roten, süßen Mund geküsst. Aber das macht man ja nicht - warum? Die Frage verwerfe ich. 
Danach schauen wir uns an und lächeln um die Wette. Welches Herz schlägt lauter? Es ist kalt und es schneit, aber wir spüren die Kälte nicht. Alles glüht und aufgeregt suchen unsere Augen nach Halt...

 

Achtung! Autofahrer auf der A3 Köln-Frankfurt, es kommt ihnen ein Falschfahrer...“, den Rest aus dem Radio verstehe ich nicht, weil der Empfang schlecht ist. Jäh werde ich aus meinen träumenden  Gedanken gerissen. Misst, denke ich, jetzt habe ich die Warnmeldung nicht richtig mitbekommen.

Vorsichtshalber bleibe ich rechts und vermindere das Tempo.

Im Scheinwerferkegel meines Wagens blitzen die Regentropfen wie silbernes Konfetti.

Mein Blick huscht in den Rückspiegel. Kein Fahrzeug hinter mir. Aber da war doch was?

Ich schaue noch mal hinein. Ist das ein Gesicht? Ja, ich sehe sie im Spiegel, sie lächelt. Ihr roter Mund will mir sagen, küss mich. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Dann konzentrieren sich meine Augen wieder nach vorn.

Im Verkehrsfunk gibt man Entwarnung für den Falschfahrer. Aufatmen.

 

Die letzten Tage habe ich nur an sie gedacht. Ich habe ihre Hand gehalten, gestreichelt, immer und immer wieder umarmend mein Glück ans Herz geschmiegt. Bin mit ihr barfuss durch den Schnee gelaufen und habe träumend die Sterne gezählt. Ich kann es noch nicht fassen, dass jetzt gleich der Augenblick gekommen sein soll, wo ich der Liebe meines Lebens begegnen werde. Das Einzige, was ich vorerst in den Armen halten kann, ist mein Lenkrad. Ganz schwacher Ersatz.

 

Mein Navi mahnt mir ganz humorlos, dass ich die nächste Ausfahrt nehmen soll. Als hätte ich eine Packung Aufputschpillen geschluckt, so plötzlich und unvermittelt steigt mein Blutdruck. 

Im Magen grummelt es. Jetzt bloß keine Blähungen, bloß jetzt nicht. Das müssen Schmetterlinge sein, ja bestimmt, denke ich.

Die Sicht wird schlechter, der Regen ist in Schnee übergegangen. Warum muss der blöde Wetterbericht Recht behalten? Der stimmt doch sonst nie. Egal, nichts kann mich aufhalten.

Ich werde sie ganz fest an mich drücken und ihr die Worte zärtlich ins Ohr flüstern. So wie sie sich es von mir gewünscht hat, dass ich es sage. Ich weiß, ich habe auf die Bremse getreten, aber jetzt, wo sich unsere Herzen auf der Samtstraße des Universums treffen, da ist alles anders. Nur noch Schweben und über Blütenteppiche tanzen. Zwei Verliebte im Vollrausch der Gefühle.

 

Eine enge Linkskurve fordert meine ganze Aufmerksamkeit, das Heck meines Wagens bricht leicht aus. Oh nein, der Rosenstrauß! Er rutscht von der Rückbank, ich dreh mich um.

 

Ein lautes Hupen. Es fährt durch meine Glieder. Zehntelsekunden in denen ich mich wieder nach vorn wende und in ein grelles Scheinwerferlicht blicke. Knall. Blech knirscht.

Alles wird schwarz. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit.

 

Ich spüre keinen Schmerz, bestimmt weil ich unter Schock stehe, so meine bangen Gedanken.

Aber ich lebe. Dunkel violette Schwaden verziehen sich langsam und ich erkenne die Umrisse meines Autos oder sollte ich sagen, was davon übrig ist. Auseinandergebrochen in zwei Hälften. Verstreut liegen Autobatterie, Kotflügelteile und ein Vorderrad im Schnee. Ein zweiter Wagen, etwa 50 m entfernt, konnte offensichtlich in letzter Sekunde ausweichen.

Mein Auto ist gegen einen Baum geprallt. Der gesplitterte Stamm und die abgeschälte Rinde scheinen meine Vermutung zu bestätigen. Der Mann aus dem anderen Autos telefoniert.

Das gibt Ärger mit der Polizei, sieht ja wohl so aus, dass ich schuld bin.

Na wenigstens Vollkasko versichert, denke ich erleichtert.

Mit Blaulicht rasen Krankenwagen, Feuerwehr und Polizei zum Unfallort.

Ich spüre noch immer keine Schmerzen, aber ich sehe helle und dunkle Flecken. Verwunderlich, das sie sich nur mit dem anderen Fahrer unterhalten und noch nicht auf mich aufmerksam geworden sind?   

Ich möchte rufen, aber es geht nicht.

Da, der Rosenstrauß! So wunderschön wirkt das leuchtende Rot im weißen Schnee. Meine Liebste wird sicher ungeduldig warten, ich muss zu ihr. Warum bemerkt mich niemand?

Ich komme jetzt anscheinend näher zu meinem Auto, aber es ist eine merkwürdige Perspektive, als wäre ich einige Meter über dem Geschehen.

In meinem Wagen sitzt jemand. Wie das denn? Er hat meinen Mantel an, sein linker Arm hängt heraus. Jetzt verstehe ich überhaupt nicht mehr?

Meine Augen beginnen zu flimmern, ein unbeschreiblich schönes Licht lenkt mich ab, lässt  mich wie fließendes Wasser sein. Was passiert mit mir?

 

Das rotweiße Absperrband der Polizei flattert im kalten Morgenwind. Es ist gespenstig ruhig.

Nur die Blaulichter der Einsatzfahrzeuge tanzen auf glitzerndem Weiß der verschneiten Straße.

„Er muss auf der Stelle tot gewesen sein“ sagt einer der Feuerwehrmänner zu den beiden Polizisten, die genauso fassungslos vor dem zertrümmerten Wrack stehen. Der Notarzt hebt den Blumenstrauß auf und blickt die Anderen stumm an.

„Ich habe hier einen Zettel mit einer Adresse in seiner Manteltasche gefunden“, konsterniert er leise. „Der die Nachricht überbringen muss, ist nicht zu beneiden“.

Bedrückte Mienen versuchen seinen Augen auszuweichen...

 

 

© Uwe Walter 27.03.2009