Die Anhalter

 

Es war ein verregneter Herbstabend. Eigentlich hatte es schon die ganze Woche über wie aus Kübeln gegossen.
Dr. Peak hatte es nicht sonderlich eilig. Seine Spätvorlesung würde in gut zwei
Stunden beginnen und für die Strecke bräuchte er höchstens anderthalb Stunden.
Das monotone Geräusch der Wischblätter nahm er schon längst nicht mehr war.
Die Straße lag wie ausgestorben vor ihm, kaum jemand verirrte sich in diese trostlose Gegend. Eigentlich verstand er selbst nicht, dass er diesen Umweg auf sich nahm.
Wäre er auf dem Highway geblieben, könnte er jetzt schon im Kampus sein und in Ruhe noch seinen geliebten Capuccino genießen.
Plötzlich blitze etwas in seinen Augen auf. Automatisch nahm er den Fuß vom Gaspedal.
Sein Gehirn versuchte einen plausiblen Grund zu finden, vergebens. Da war nichts oder doch?
Trotzdem verringerte er weiter die Geschwindigkeit. Gut 200 Meter vor ihm tauchen zwei Gestalten - wie aus dem Nichts auf.
Wieso zum Henker halte ich an? Etwas beunruhigt ihn. Beide sind mit gelben Regencapes und olivgrünen Gummistiefeln bekleidet. Ihre Gesichter wirken blass und die Augen sind hinter Sonnenbrillen verborgen. Und das bei Regen und einsetzender Dunkelheit, denkt Peak. Und wenn sie eine Panne hatten, wo bitteschön ist dann das Auto? Peak hält an und lässt vorsichtig die Scheibe auf der Beifahrerseite runter. „Können Sie uns bis zu dem Hügel da vorn mitnehmen?", beginnt der etwas größer wirkende von beiden. „In Herrgottsnamen, was machen Sie bei dem Sauwetter auf dieser verlassenen Landstraße?" , erwidert Dr. Peak. „Unser Fahrzeug befindet sich hinter dem Hügel dort und es ist noch ein ziemliches Stück", mischt sich der andere ein. Dr. Peak schaut in Richtung Hügel und schätzt die Entfernung auf ungefähr zehn Meilen.
Er streicht sich mit der Hand durch seinen ergrauten Vollbart und presst die Lippen aufeinander. „Meinetwegen, bitte steigen sie ein". Der größere setzt sich auf die Beifahrerseite, während der andere sichtlich erleichtert auf der Rückbank Platz nimmt. „Danke, Dr. Peak" , dringt es nach vorn. Als verginge eine Ewigkeit, in Wirklichkeit waren es nur Sekunden, bis Peak begriff, das er gerade von einem unbekannten Anhalter mit Namen angesprochen wurde. Vollbremsung. Fast wäre der Beifahrer mit dem Kopf gegen die Fronscheibe geknallt. „Wer zum Teufel sind Sie?" Dr. Peak ist sichtlich aufgewühlt.
„Wir haben nicht viel Zeit, Dr. Peak. Aber wir kennen sie bestens und versuchen es Ihnen zu erklären".
Peak schaute, nein er versuchte in die Augen der Anhalter zu schauen. Hinter ihren Sonnenbrillen begannen dreieckige Punkte im Kreis zu rotieren. Irgendwie überkam ihn ein Gefühl der inneren Ruhe, als hätte man ihn hypnotisiert. Kein Widerstand, keine Fragen.
„Was wir Ihnen jetzt sagen wird Sie in den Grundfesten erschüttern. Es wird für Sie so unglaublich klingen, aber es ist die Wahrheit."
Noch immer wurde er von seinem Gegenüber fixiert, scheinbar in einen Dämmerzustand der Hilflosigkeit versetzt, aber bei klarem Verstand. Unterdessen fuhr der zweite Anhalter auf der Rückbank mit seiner Rede fort. „Wir sind nicht das, wofür Sie uns halten. Jedenfalls keine Menschen. So unvorstellbar das auch für Sie sein mag, wir haben eine lange Reise durch das All hinter uns."
Dr. Peak fand langsam die Sprache wieder. „Ich verstehe überhaupt nichts. Was soll ich glauben?".
„Seit wir Euch Menschen in einem Experiment vor 9000 Jahren hier aussetzten, haben wir gehofft, dass ihr glauben könntet.", fiel ihm sein  Gegenüber ins Wort. Aber bisher wurden wir von Euch nur enttäuscht. Na ja meistens. Ihr habt Euch geistig zwar weiter entwickelt, aber gleichzeitig werdet ihr in euerem Tun immer zerstörerischer."
„Und ich soll sozusagen für alles büßen oder wie?", die Stimme von Dr. Peak klang ironisch bis vorwurfsvoll.
„Nein, Sie wurden ausgewählt, der Menschheit eine weitere Botschaft zu überbringen", entgegnete der Zweite. Dr. Peak wurde ungeduldig: „Botschaft? Welche Botschaft denn?". „AIDS ist heilbar!", entsprang es dem Mund des Ersten. „Und Sie werden der Erfinder des Impfstoffes sein. So wurde es beschlossen". Dr. Peak, arbeitete seit gut 10 Jahren an der Bekämpfung von AIDS und seine Forschungsarbeiten waren international anerkannt. Aber jetzt wollte man ihn, den Leiter der Forschungsabteilung III für Humanmedizin auf die Schippe nehmen. „Nein, niemand will Sie auf die Schippe nehmen. Alle großen Erfindungen stammen nicht von euch Menschen. Seit tausenden von Jahren kommen wir in größeren Abständen, um Hilfe zu leisten oder besser gesagt, das Experiment Erde in die richtige Bahn zu lenken." Man konnte fast schon Mitleid mit Peak haben, die beiden Außerirdischen versuchten knapp und präzise sein Weltbild komplett umzukrempeln. „Nehmen wir zum Beispiel die Erfindung des Penicillin. Hier glaubt man, dass ein gewisser Alexander Flemming es 1928 erfunden hat. Richtig ist, dass er auserwählt wurde, genau wie Sie jetzt. Alle spektakulären Erfindungen sind so abgelaufen!"
Mit ungläubigen Blick nach hinten gewandt: "Warum gerade ich?" 
„Nun, Sie sind auf diesem Gebiet eine anerkannte Persönlichkeit und Ihr Leumund hervorragend. Schließlich wollen wir nicht, das die Ergebnisse in die falschen Hände gelangen." Die beiden Fremden sahen sich nickend an. 
„Dr. Peak, Sie sollten jetzt losfahren. Wenn wir dort am Hügel angekommen sind, werden Sie den letzten Beweis finden."
Der Regen hatte aufgehört, aber Dr. Peak's  Gedanken fuhren Achterbahn. Gleichzeitig hatte er Fragen über Fragen. Und als er noch beim Formulieren war, kamen schon die Antworten.
Als er Einzelheiten über den Impfstoff hörte, wusste er, das ist kein Scherz.
„Wieso...", er konnte die Frage nicht zu Ende bringen, da kam schon die Erklärung.
„Hier ist der beste Platz für eine Kontaktaufnahme. Ihr Labor oder die Stadt wären zu gefährlich. Hier draußen ist weit und breit niemand, der Zeugnis ablegen könnte."
 „Ihr Menschen meint, das fremde Spezies wohl mordend über die Welt herfallen würden."
„Und aussehen wie Aliens!" , fügte der Zweite schmunzelnd hinzu.
Dann war das Ziel erreicht. Der weiße Ford hielt direkt an dem kleinen Hügel an, dessen Form an einen Gras bewachsenen Kegel erinnerte.
„Hier nehmen Sie", Peak's Nebenmann übergab ihm einen kleinen Silber schimmernden Koffer. "Lesen und prüfen Sie, dann werden Sie alles verstehen."
Während die Beiden aus dem Auto ausstiegen, starte Dr. Peak auf den Hügel. Irgendwas bewegte sich. Auch die Farbe des Grases begann sich zu verfärben, erst Magenta, dann Schwarz-blau. Der im den Koffer gegeben hatte, drehte sich noch mal um und rief ihm zu: „Und Alles Gute für Sie. Sie werden mit dem Erfolg umgehen können ganz bestimmt!"
Dr. Peak öffnete den Koffer und konnte kaum fassen, was er da sah. Sein Unterkiefer klappte nach unten, das also war das Geheimnis, das tausende von Wissenschaftlern bisher nicht knacken konnten.
Fast unbemerkt begann sich der Hügel in Bewegung zu setzen. Positionslichter leuchteten schwach Blau. Dann bebte kurz die Erde und die Schwingungen übertrugen sich ins Wageninnere. Dr. Peak schaute auf und verfolgte, wie sich der raumschiffartige Kegel in den Nachthimmel katapultierte.
Peak holte tief Luft, kniff sich in den Unterarm, merkte dass er nicht träumte.
Er schaute auf die Uhr. Jetzt war er doch spät dran. Ein breites, zufriedenes Lächeln durchzog sein Gesicht. Wie jemand, der ein Mittel gegen die Pest gefunden hat oder eben AIDS .
Er wusste, dass dies sein Leben verändern wird. Grundlegend.
Er wusste, er würde zur Vorlesung zu spät kommen – Aber nicht zu spät für die Menschheit! 
 

 

Anmerkungen von Uwe Walter zur Kurzgeschichte:

Meine erste Kurzgeschichte überhaupt. Bisher habe ich mich nur an Gedichten versucht.
Hier soll nicht der Anspruch erhoben werden, etwas Besonderes geschaffen zu haben. Fun stand im Vordergrund. Allerdings sollte sie schon zum Nachdenken anregen. 
Für Kritik bin ich jederzeit dankbar. Positiv oder negativ - nur so lernt man dazu.