Notwehr

 

Das Telefonklingeln riß Ltn. Sam Laner gerade in dem Moment aus seinen Gedanken, als er die Lösung für Sieben Waagerecht, griechische Insel mit drei Buchstaben, gefunden hatte. Während sein Blick die Assistentin Rebecca Pelham suchte, wiederholt er am Telefon noch mal das Gehörte: ”Schüsse in der 57th Street, Hausnummer 33, ein Toter und eine tatverdächtige Person, welche wahrscheinlich die Schüsse abgegeben hat“. Währen Rebecca hastig ihren Tee austrank und sich die Dienstmarke aus dem Schreibtisch schnappte, trug Sam Laner in aller Ruhe noch die Lösung ‘KOS’ in das Kreuzworträtsel ein.

Sam Laner war im Gegensatz zu seiner Kollegin schon lange im Polizeidienst.

Anfang 50, aber noch sportlich und mit seiner Größe von 1,91 Meter auch der Längste auf dem Revier. Sein schütteres, braunes Haar wurde von einem strengen Seitenscheitel geteilt. Über der rechten Augenbraue war eine 5 cm Narbe, die er sich im Dienst geholt hatte. Sein Fahrzeug war bei einer Verfolgungsjagd gegen einen Müllwagen geprallt.

“Na dann, wollen wir mal”, seufzte Laner.

Das Haus Nr. 33 war weiträumig abgesperrt. Fotografen, die davon Wind bekommen hatten und Schaulustige drängten sich an den Absperrbändern. Pelham zeigte kurz ihre Marke und wenig später waren sie und Laner am Tatort. Officer Karman, etwas dickliche Figur, ging auf die Beiden zu und schilderte den Fall: “Der Notruf ging um 8:22 Uhr in der Zentrale ein. Es wurde ein Überfall gemeldet. Zwei Eindringlinge, einer hat auf den Hausbesitzer geschossen. Danach hat dieser in Notwehr einen der beiden Angreifer erschossen. Eine Person soll flüchtig sein“. In der Stimme des Officer lag eine gewisse Skepsis. Auf den Boden zeigend, fügte er hinzu: ”Der kann uns dazu nichts mehr sagen.”

Anschließend wanderte sein Blick auf einen dunkelgrünen, abgewetzten Sessel, in dem eine schmächtige Person mit aschfahlem Gesicht saß. Ein zweiter Polizist stand neben ihm. “Ist das der Besitzer, der die tödlichen Schüsse abgeben haben soll?”, richtete Laner seine Frage an Karman. “Genau wissen wir das erst, wenn der Ballistiker die Auswertungen vorlegt”, warf Rebecca Pelham ein. “Logisch”, entfuhr es Laner.

“Es gibt da nur ein Problem. Bis jetzt haben wir keinen Beweis, dass tatsächlich auf Pete Parker, so sein Name, geschossen wurde”, entgegnete zögerlich Officer Karman. “Wie muss ich das verstehen?”, schaute Laner fragend. ”Nun, aus der Waffe des Toden wurde kein einziger Schuss abgefeuert und bisher wissen wir nicht, ob es überhaupt einen zweiten Täter gibt“, sagte Karman süffisant. Vier Mann von der Spurensicherung, in weißen Overalls, waren unterdessen immer noch eifrig damit beschäftigt, auch noch so kleine Details ans Tageslicht zu fördern.

Rebecca Pelham ging unterdessen auf Pete Parker zu: “Mr. Parker, schildern Sie bitte noch mal genau den Ablauf “.”Wie ich schon dem Officer da drüben sagte, gegen 8:00 Uhr hörte ich ein lautes Geräusch aus dem Wohnzimmer. Ich nahm meine Pistole, die ich immer im Nachttisch habe und ging die Treppe hinunter. Plötzlich sah ich eine Person, die sich am Wandtresor zu schaffen machte. Ich hielt meine Waffe auf ihn gerichtet und schrie: Was soll das? Keine Bewegung! In diesem Moment kam ein zweiter Mann aus der Küche gestürmt und gab einen Schuss auf mich ab. Ich schoss sofort zurück, verfehlte ihn aber ebenfalls. Doch er floh wie in Panik. Die andere Person am Tresor versuchte eine Waffe zu zücken.” Parker musste Luft holen, sein Körper zitterte leicht und über sein Gesicht rannen kalte Schweißperlen. Nach einer Weile begann er erneut: ”Ich hatte Angst und habe abgedrückt. Einmal, zweimal, ich weiß es nicht. Es war Notwehr, das müssen sie mir glauben“. Laner und Pelham schauten sich stumm an. “Erstmal haben wir keine weiteren Fragen, Sie müssen aber in nächster Zeit zu unserer Verfügung stehen”, sagte Rebecca und verließ mit Laner den Raum.

“Ich weiß nicht, was ich davon halten soll?”, sagte Laner zweifelnd. “Nach der Auswertung der Spuren sind wir erst schlauer”, schien Rebecca ihn zu beruhigen.

Zwei Tage später…

Die Ergebnisse der Spurensuche und die Auswertung der Ballistiker hatten ergeben, dass aus der Waffe von Pete Parker insgesamt 5 Schüsse abgeben worden sind. Ein Projektil wurde im Türrahmen entdeckt, ein zweites stak in der Wand zur Küche.

Die anderen drei Kugeln wurden in der Leiche des vermutlichen Angreifers gefunden.

Eine davon hatte tödlich sein Herz getroffen. Die Ermittlungen ergaben, dass es sich bei dem Toden um Fred Pullmann handelte. Ein Gelegenheitsarbeiter, der seit Jahren keinen festen Job mehr hatte.

Sam Laner unterhielt sich gerade mit einem Kollegen, als Rebecca ins Büro spazierte und fast aufgelöst die beiden unterbrach: “Jetzt halte Dich fest, Sam! Fred Pullmann hat vor fünf Jahren Parker die Frau ausgespannt, ist mit ihr nach Arizona durchgebrannt. Hammer oder?”. Laner war völlig überrascht. “Und es kommt noch besser. Parker und Pullmann haben sich gekannt.“ Man konnte sehen, wie die Überraschung in Laners Gesicht gemeißelt stand.” Gut gemacht, Rebecca”, kamen anerkennende Worte von Sam. Nebenbei stellte er gerade fest, dass sich seine Meinung über Rebecca, seit ihrem Dienstantritt vor einem dreiviertel Jahr deutlich verbessert hatte. Zugegeben, sie war schon immer attraktiv und wusste ihre Weiblichkeit bei jedem Schritt geschickt einzusetzen. Ihre sportliche Figur von 1.60 Meter waren auch Sam nicht verborgen geblieben. Aber eine junge Frau, frisch von der Akademie, die eigentlich Profiler werden wollte, was kann die schon? So dachte er zumindest am Anfang..

“Fassen wir einmal alles zusammen. Wir haben einen Toden, der mit dem Revolver von Parker erschossen wurde. Wir haben aber keine Kugel von einer anderen Waffe. Es gibt auch niemanden, der bestätigen könnte, dass es zwei Täter waren. Weiterhin gibt es keine Einbruchspuren”, tönte Laner siegessicher. “Was vermuten lässt, dass sich das angebliche Opfer und der Einbrecher gekannt haben müssen. Wie ich ja heraus gefunden habe”, unterbrach ihn Pelham.

“Ich rufe Staatsanwalt Forner an“, hatte es Laner plötzlich eilig. “Denkst Du das Gleiche wie ich?”, warf Palham in den Raum. ”Mord aus Rache, vermutlich”, gab Laner zustimmend von sich.

Staatsanwalt Harry Forner, ein großer, kantiger Typ mit graumeliertem Haar und Hakennase war nach Sichtung der Akten, der gleichen Meinung.

“Pete Parker konnte nicht verwinden, dass seine Frau mit diesem Pullmann durchgebrannt war. Unter einem Vorwand lud er seinen ehemaligen Kollegen zu sich ein und erschoss ihn eiskalt. Dann hat er die Geschichte mit dem Überfall erfunden“, sagte Forner selbstzufrieden ob seiner unfehlbaren Logik. Der Fall schien klar.

Pete Parker wurde noch am selben Tag verhaftet, nachdem man ihm seine Rechte vorgelesen hatte. Immer und immer wieder beteuerte er seine Unschuld. Es half nicht.

Einen Monat später…

Tankwart Mike Sorter wollte gerade Zigaretten auffüllen, als eine vermummte Person den Laden betrat und mit vorgehaltener Waffe die Tageseinnahmen forderte. “Los, das Geld her, oder das war Dein letzter Arbeitstag”, schrie der Vermummte. Sorter merkte, wie nervös der Räuber war. In einem unachtsamen Moment zog er seine Schrotflinte, die immer griffbereit unter der Theke stand. Verdutzt ließ der Räuber die Waffe fallen. “Nicht schießen man, die ist nicht geladen”, rief er ganz aufgelöst. Während Sorter den Räuber mit der Gewehr in Schach hielt, rief er über Handy die Polizei. Nach 20 Minuten war eine Streife zur Stelle, die den Mann festnahm. “Wie heißen Sie?”, fragte einer der Beamten. “Ricardo Pullmann”, stammelte der Festgenommene.

Vier Tage später…

Das Telefon von Laner klingelte. Staatsanwalt Forner war am anderen Ende der Leitung.

“Hallo Sam, ich faxe Dir gleich einen Bericht aus dem 19 Revier zu. Bin gespannt, wie Du und Rebecca das bewerten?”.

Minuten später kam es Schwarz auf Weiß. Ricardo Pullmann war der Zwillingsbruder von Fred Pullmann. Er gab zu, dass er und sein Bruder für mehrere Überfälle verantwortlich waren. Im Gegensatz zu Fred, benutze er aber stets Platzpatronen. So auch bei dem Überfall auf die Tankstelle. Darum konnte der Angestellte den Täter mühelos stellen. In den Vernehmungen gab er schließlich auch den Überfall auf Pete Parker zu.

Den Hausschlüssel hätten sie von Parkers Ex bekommen. Eigentlich vermuteten sie ihn außer Haus, aber dann lief es schief. Ricardo versuchte mit dem Abfeuern einer Platzpatrone Parker zu schocken, damit sein Bruder Zeit gewinnt. Instinktiv habe er sich nach dessen Schüssen geduckt und sei dann geflohen.

Pelham und Laner waren fassungslos. Pete Parker hatte also die Wahrheit gesagt.

“Ich überbringe ihm die Nachricht“, sagte Palham. Sie fuhr mit der rechten Hand durch ihr kurzes blondes Haar. In ihren grün-blauen Augen war eine Spur Schuld, aber auch Erleichterung zu bemerken. Eine Stunde später war sie im Untersuchungsgefängnis angekommen. Die Stahltür zu Parkers Zelle öffnete sich. Er wirke wie ein gebrochener Mann. Unter seinen Augen konnte man auffällig die Tränensäcke beobachten. Er saß auf einen ungepolsterten Stuhl, die Hände wie zum Gebet gefaltet.

“Mr. Parker, ich habe eine sehr erfreuliche Nachricht für Sie”, sagte sie mit fester, ruhiger Stimme. “Der Fall ist aufgeklärt, es tut uns leid, dass wir Sie des Mordes beschuldigt haben“. Rebecca atmete einmal tief durch, als wollen sie den kommenden Satz ein noch größeres Gewicht verleihen: “Nach dem jetzigen Erkenntnisstand haben Sie wohl in Notwehr gehandelt. Sie sind frei …“.

 

Anmerkungen von Uwe Walter zur Kurzgeschichte:

Ich versuche mich weiter am Schreiben von Geschichten. Es sind kleine Übungen für mich, wobei ich darauf achte, dass die Handlung möglichst logisch erscheint und am Schluß auch eine Aussage steht. Für kritische Kommentare bin ich sehr dankbar und ich nehme keinem seine ehrliche Meinung übel. 
Schließlich ist es bei mir noch ein Lernprozeß.
So, nun viel Spaß beim Lesen.
Uwe Walter