Wenn die Hoffnung stirbt

 

Krankenstation 2 /Intensivpflegezimmer (irgendwo in Deutschland)
 
Eigentlich ist meine Geschichte schnell erzählt.
Es war an einem sonnigen Herbsttag um 14:02 Uhr. Eine Unachtsamkeit hat mein
Leben verändert - unwiderruflich. Ich schaute gerade in Richtung wolkenloser Himmel, als ich von einem Auto erfasst wurde. Einen Tag vor meinem 14. Geburtstag. Seit diesem Unfall liege ich im Wachkoma. Keine Hoffnung, haben die Ärzte gesagt.
Sechzehn Jahre ist das nun schon her. Sechzehn unendlich lange Jahre, voller Schmerzen und quälender Ungewissheit. Unfähig sich zu bewegen und zum Warten verdammt. Aber worauf?
Mama, Du sitzt jeden Tag an meinem Bett. Du gibst wohl nie die Hoffnung auf?
Glaubst immer noch an das Wunder, das nicht stattfinden wird.
Ich sehe wie Du heimlich weinst. Deine Traurigkeit, die kannst Du vor mir nicht verbergen.
Liebe Mama, ich will nicht mehr, dass Du traurig bist. Es tut mir so weh, wenn ich Dich leiden sehe.
Es ist so schön wenn Du mit mir redest, mich streichelst, aber ich kann Dir nichts zurückgeben. Mama, mein größter Wunsch wäre, die könntest wieder lachen, mal in den Urlaub fahren. Du solltest tanzen gehen und heiter sein. Das wünsche ich mir.
Weißt Du eigentlich wie das ist, hier so zu liegen? Nur diese kalte, piepsende Maschine mit ihren Schläuchen. So gern hätte ich mit meinen Klassenkameraden Fußball gespielt. Würde ein Mädchen kennenlernen. Wie ist es, wenn man sich verliebt, einen ersten Kuss bekommt? Ich werde es nie erfahren. Ich möchte durch den Wind laufen, im Meer baden. In einen Apfel beißen! Ach, Mama, warum ist die Welt so ungerecht?
Nächste Woche ist mein Geburtstag. Ein Runder. Ich werde Dreißig! Nach Feiern steht mir aber nicht der Sinn. Ich kann ja noch nicht mal die Kerzen auf der Torte auspusten.
Ach liebste Mama, Du, die all die Jahre stets besorgt um mich, an meinem Bett gewacht hast, Dir möchte ich sagen: Ich habe nur noch einen einzigen Wunsch!
Wenn Du mir wirklich einen Gefallen tun willst, dann schalte diese verdammte Maschine ab.
Ich möchte nicht mehr leiden, ich will endlich erlöst werden. Vielleicht gibt es Gott, er wird es verstehen. Da bin ich mir sicher und ich werde dann vielleicht auch verstehen, warum gerade ich.
 

 

Anmerkungen von Uwe Walter zur Kurzgeschichte:

Ich möchte hier nicht Partei für die Sterbehilfe ergreifen. Meine Geschichte soll zum Nachdenken anregen.